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Ehemaliger Rüstungsbetrieb „Goldfisch GmbH” in Obrigheim

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Rüstungsbetrieb Goldfisch
Rüstungsbetrieb Goldfisch
Rüstungsbetrieb Goldfisch
Rüstungsbetrieb Goldfisch
Rüstungsbetrieb Goldfisch

Am Ende des Krieges wurde das Flugmotorenwerk der Daimler Benz AG in Genshagen bei Berlin in den Gipsstollen bei Obrigheim verlegt. Es war das zweitgrößte Verlagerungsprojekt, in dem mehrere tausend KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter eingesetzt waren.

Nutzung (ursprünglich): 

Bahnverladeanlagen eines unterirdischen Flugmotorenwerks

Nutzung (derzeit): 

Ruine und Lagerhalle

Geschichte: 

Am 6. März 1944 wurde das Flugmotorenwerk der Daimler Benz AG in Genshagen bei Berlin Ziel eines alliierten Luftangriffs, der die Fabrik schwer beschädigte. Bereits wenige Tage später wurde die Verlagerung des kriegswichtigen Unternehmens in die Obrigheimer Gipsgrube „Friede“ beschlossen. Das Bergwerk war für eine unterirdische Produktionsstätte besonders geeignet, weil sie eine beachtliche Größe besaß und sich verkehrsgünstig unweit der 1862 eröffneten „Odenwaldbahn“ befand. Die Planungen für die Verlegung der Rüstungsfabrik liefen unter strengster Geheimhaltung ab und das Projekt erhielt zur Tarnung den Namen „Goldfisch“. Schließlich wurde für das Verlagerungsprojekt eine eigenständige Gesellschaft gegründet, die den Namen „Goldfisch GmbH“ erhielt.

Der Ausbau der Stollen erfolgte durch den Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Mitte März traf der erste Transport von 500 KZ-Häftlingen ein, die in der Neckarelzer Schule untergebracht wurden. Im Herbst 1944 waren in Obrigheim rund 3000 Häftlinge eingesetzt, die in verschiedenen Lagern in der Umgebung untergebracht waren. Schließlich konnte das Werk am 10. November 1944 mit einer Feierstunde eingeweiht werden. In den folgenden Monaten wurde in Obrigheim vor allem Motoren für das Jagdflugzeug „Me 109“ gefertigt.

Neben der Grube „Friede“ sollte auch das unweit gelegene Gipsbergwerk „Ernst“, das bereits 1896 stillgelegt worden war, als unterirdische Produktionsstätte für die Rüstungsproduktion verwendet werden. Auch hier begann der Ausbau mittels dem Einsatz von Häftlingen. Doch wurde dieses Projekt bis Kriegsende nicht mehr fertig gestellt.

Beim Näherrücken der Front wurden die „Goldfisch GmbH“ mit den zu ihr gehörenden Lagern geräumt und die Häftlinge abtransportiert. Als die Amerikaner Obrigheim schließlich am 1. April 1945 erreichten, fanden sie ein leeres Werk vor. Rund 250 der beim Bau und in der Produktion eingesetzten Häftlinge waren durch Erschöpfung und Unterernährung, Arbeitsunfälle sowie alliierte Luftangriffe innerhalb der letzten 12 Monate getötet worden.

Nach dem Krieg wurde ein Teil der in den Stollen eingesetzten Maschinen als Reparationsleistung an die Sowjetunion abgeliefert. Die übrigen wurden schließlich verkauft. Einige von ihnen wurden von der „Maschinenfabrik Diedesheim“ erworben, die von einem früheren leitenden Mitarbeiter der „Goldfisch GmbH“ gegründet worden war.

Durch den Verein „KZ Gedenkstätte Neckarelz“ wurde 1999 ein ausgeschilderter Rundweg angelegt. Über die Geschichte des Unternehmens und insbesondere die Leiden der Häftlinge im Stollen und den Lagern informiert zudem die 2011/12 neu gestaltete „KZ Gedenkstätte Neckarelz“.

Architekt: 
Leiter des Planungsstabs Eugen Kiemle (1905-1950)
Bauzeit / Umbauten: 
1944/1945
Baubestand: 

Die äußere Umgebung des Obrigheimer Gipsbergwerks hat sich seit Kriegsende stark verändert. Die dortige Eisenbahnbrücke wurde 1945 zerstört und ihre Pfeiler 1971 gesprengt. Beim Bau der Umgehungsstraße und der zugehörigen Straßenbrücke über den Neckar wurden in den 1980er Jahren die letzten Reste der Eisenbahnbrücke beseitigt und der Bahndamm vollständig abgetragen. An die ehemalige „Odenwaldbahn“ erinnert in diesem Abschnitt heute nur noch der sogenannte Karlsbergtunnel und ein daneben gelegenes ehemaliges Bahnwärterhaus.

Von dem weitläufigen Anlagen des unterirdischen Rüstungsbetriebs und den zugehörigen Baracken für die KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter sind heute nur noch wenige Gebäudereste sichtbar.

Markantester Überrest sind die Ruinen einer Umschlaghalle südlich des ehemaligen Karlsbergtunnels. Dort wurden die Flugzeugmotor auf die Bahn verladen. Die Ladestelle war durch einen Querstollen und einen Schacht direkt mit der 25 Meter höher gelegenen Gipsgrube verbunden.

Nördlich des Eisenbahntunnels wurde der Bahnhof Finkenhof angelegt, wo sich der Wareneingang und ein Rohlager befand. Nach dem Krieg wurde der Bahnhof von verschiedenen Firmen als Lager genutzt und mehrfach umgebaut und erweitert. Unklar ist, wieviel historische Bausubstanz noch in der heutigen Lagerhalle steckt.

Unweit des südlich Tunnelausgangs wurde der sogenannte Heizbunker erstellt. Darin war ein Kraftwerk untergebracht, das zur Trockenlegung der Stollen zum Einsatz kam. Die Trocknung der Stollen war eine unverzichtbare Voraussetzung für den Einsatz der hochempfindlichen Spezialmaschinen. Der Bunker wurde 1986 beim Bau der Umgehungsstraße zur Hälfte abgebrochen und der Rest zugeschüttet. Oberflächlich sind noch die Querschnitte von drei der mehr als einen Meter dicken Seitenwänden sichtbar.

Am Eingang zur Gipsgrube hat sich die zum Schutz vor Fliegerangriffen errichtete Verbunkerung erhalten. Auf ihr befand sich im Krieg ein Luftabwehrgeschütz.

Quellen: 

Tobias Markowitsch, „Goldfisch – Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ – Zum 60. Jahrestag der Firmeneinweihung, in: Obrigheim – gestern und heute 14 (2004), S. 35-37.

Autor/in: 
Sebastian Parzer