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Kohlenkontor Weyhenmeyer – Verwaltungsgerichtshof in Mannheim

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Eingangsportal
Treppenhaus: Kunst und polierter Marmor
Wandlampe und Heizungsverkleidung
Treppengeländer in Travertin und Messing
Eingang von innen gesehen
Lampe links vom Eingang
rechts des Eingangs

Der Verwaltungsgerichtshof steht an städtebaulich markanter Stelle, wirkt großzügig und doch etwas einschüchternd. Wie es eben sein soll. Doch das Gebäude wurde 1951/52 nicht für die Justiz gebaut, sondern für einen großen Kohlenhändler! Das Klinkerbauwerk mit seiner streng symmetrischen Form und den hervortretenden Seitenflügeln, einer breiten Freitreppe aus Travertin vor einem drei Stockwerke hohen, portalartig wirkenden Mitteleingang wurde ursprünglich als die Verwaltungszentrale des Kohlenkontors Weyhenmeyer errichtet. Erst 1968 bezog der Verwaltungsgerichtshof hier seinen Sitz.

Das gesamte Gebäude ist durch seine Fensterbänder stark waagrecht gegliedert. Die eng bei einander stehenden hohen Fenster sind in der Mitte waagrecht geteilt, so dass sie wie zwei auf einander gestellte Quadrate wirken. Den Fenstersturz bilden senkrecht stehende Klinker. Im dreigeschossigen Mittelbau sind es 38 Fensterachsen. Die viergeschossigen Seitenflügel haben zur Front hin je 5 Fenster, seitlich 7, die zweigeschossige Verlängerung des Seitenflügels noch weitere 11 Fenster. Weit auskragendes Dachgesims mit einer hellen breiten Kante bilden eine weitere Betonung der Horizontalen. Dazu passt auch der niedrige helle Travertinsockel des gesamten Gebäudes, in dem rundum die Kellerfenster untergebracht sind.

Im etwas tiefer gelegten Innenhof der Nordseite bildet der Sockel ein volles Erdgeschoss aus. Das flache Walmdach ist von der Nähe aus kaum zu erkennen. Der gläserne mittige Eingangsbereich wirkt repräsentativ. Er erhebt sich mit seiner hellen Travertin-Rahmen bis fast unter das Dach und steht in starkem Kontrast zu den glatten dunkelroten Klinkern. Die Fenstersprossen und Rahmen des Eingangs sind in Messing. Davor stehen zwei Leuchten, die stark expressionistisch Züge haben.

Auch im Inneren des Hauses wird Wert auf Gediegenheit gelegt. Im Foyer steht Kunst, in den Fluren der Büros hängen (geliehene) Meisterwerke an der Wand. Glänzende Marmor- und Travertinböden und ebensolche Wandverkleidung in drei Farben, breite Treppen mit Messinghandläufen lassen schnell alle Gespräche verstummen. Die originalen Türen zu den Fluren sind erhalten. Die Messinggitter vor den Heizungen und die Wandlampen sehen aus, als könnten sie sich zwischen 50er-Jahre und Expressionismus nicht entscheiden.

Das ist nicht verwunderlich, denn der Architekt des Hauses, Wilhelm Platen, war vor 1933 einer der wichtigen Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“. Er soll das Haus schon vor dem 2. Weltkrieg geplant haben. Von 1946-1951 war Platen Leiter des städtischen Hochbauamtes. Die zwei Seitenflügel begrenzen an der Schelling-Straße (nach Norden hin) einen Innenhof mit halbrunder Auffahrt. Hier ist auch der barrierefrei Zugang. Eine großzügige Grünfläche mit altem Platanenbestand umgibt den gesamten Gebäudekomplex, der sich über ein ganzes Quadrat erstreckt. Mitte der 1920er Jahre wurde im nahe gelegenen Neuostheim eine Direktorenvilla für die Firma Weyhenmeyer errichtet. (Paul-Martin Ufer 50)

Nutzung (ursprünglich): 

Verwaltung und Büros von „Kohlenkontor Weyenmeyer & Co“

Nutzung (derzeit): 

Gebäude des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg, Sitzungssäle, Büros

Geschichte: 

Über die Firma Weyhenmeyer Co ist uns bisher recht wenig bekannt. 1928 annoncierte sie über zwei Buchseiten in „Mannheim, das Kultur- und Wirtschaftszentrum Südwestdeutschlands“ als die „Größte aller Verkaufsorganisationen des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats gehörenden Kohlenhandelsgesellschaften“. Damals war ihr Sitz am ebenfalls repräsentablen Parkring 27-29.

Das ausgedehnt Kohlenlager befand sich am Rheinau-Hafen, östliches Becken. Noch heute sind zwischen Duisburgerstraße und Becken 21 die Kohlenreste auf der Brache zu erkennen. Kohle hatte in den ersten zwei Dritteln des letzten Jahrhunderts als Brennstoff für die Bevölkerung und die Industrie eine enorme Bedeutung, die sich heute wohl am beste mit Eröl bzw. -gas vergleichen lässt.

Interessant ist, wie viele Kohlensorten von Weyhenmeyer zu Verkauf geboten wurden: „Verkauf von Gasflamm- Fett-, Eß-, Mager und Anthrazitkohle, Koks und Briketts jeder Art… Für den Hausbrand besonders zu empfehlen: Ruhr-Eiformbriketts, gebrochener Ruhr-Zechenkoks, gewaschene Nusskohlen.“ In der Annonce durfte nicht der Hinweis auf „Wissenschaftliche Untersuchungen“ des hohen Heizwerts der Ruhrkohle fehlen, die sich gegenüber der Braunkohle fast auf das doppelte belaufen sollte.

Braunkohle war offenbar einer der heftigsten Konkurrenten, und wie auch heute, lauert die Konkurrenz gerade ein paar Schritte weit weg: Es gab 1928 auch schon das „Rheinisch Braunkohlen-Syndikat“, das in der Otto Beck Straße 32-34 (heute im Besitz des Gerling-Konzerns) seit 1924 ein respektables Verwaltungsgebäude hatte. (Deren Annonce im selben Band der Stadtreklame zieht sich über 4 Seiten.)

Das 1893 gegründete Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat (RWKS), für den das Kohlenkontor Weyhenmeyer verkaufte, war ein Vertriebskartell zum Verkauf der Kohle aus dem rheinisch-westfälischen Kohlenrevier. Es regelte Fördermengen, Preise und Absatz der beteiligten Zechen und entwickelte sich nicht nur zum zentralen Vertriebsorgan für die beteiligten Unternehmen sondern zu einer bedeutenden wirtschaftspolitischen Einrichtung, die Marktinformationen beschaffte, internationale Kontakte knüpfte sowie Unternehmer der Schwerindustrie zur Festlegung einheitlicher Meinungen und Standpunkte zusammenbrachte. Auch in der NS-Zeit spielte das Kohlensyndikat eine wichtige staatstragende Rolle. Es wurde deshalb 1945 von den Alliierten aufgelöst.

Das Kohlenkontor Weyhenmeyer & Co hat jedoch nach dem Zusammenbruch erfolgreich seine Geschäfte weiterführen können. Die Zentrale am Parkring war zerstört. Die Firma konnte sich den Bau eines neuen Sitzes 1951 offenbar bereits leisten. Tatsächlich spielte Kohle immer noch die entscheidende Rolle als Energieträger. Die genauen Gründe für das Verschwinden der Firma Ende der 60er Jahre wollen wir noch recherchieren.

In das Haus zog 1968 der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg ein, der vorher im Mannheimer Schloss seinen Sitz hatte. Der VGH Baden-Württemberg ist die mittlere Instanz zwischen dem Bundesverwaltungsgericht und den Verwaltungsgerichten Freiburg, Karlsruhe, Sigmaringen und Stuttgart. Er ist die Rechtsmittelinstanz für Berufungen und Beschwerden gegen deren Entscheidungen. Auch erstinstanzlich ist er für gewisse Verfahren zuständig (technische Großprojekte, für Verfahren gegen Vereinsverbote sowie für verwaltungsgerichtliche Normenkontrollverfahren). 2007 sind 4.070 Verfahren erledigt worden. Es handelte sich beispielsweise um Asylverfahren, Klagen gegen Studiengebühren sowie Klagen gegen den Ausbau von Flughäfen oder den Bau von Autobahnen. 2010 wurde vom VGH auch die Klage gegen die Aufhebung des Denkmalschutzes für die historischen Vögele-Industriegebäude angenommen.

Eigentümer: 
Land Baden-Württemberg
Erbauer: 
Kohlenkontor Weyhenmeyer
Architekt: 
Wilhelm Platen
Bauzeit / Umbauten: 
1951/52
Quellen: 
  • Architekturführer Mannheim, Andreas Schenk, Hrsg. von der Stadt Mannheim, 1999
  • Mannheim, das Kultur- und Wirtschaftszentrum in Südwestdeutschland, 1928, Stadtreklame Mannheim
  • Internetseite des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg
Autor/in: 
Barbara Ritter
Kontakt: 

Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg

Verwaltungsleiter Herzog

Fon: 0621/292-4273

Fax: 0621/292-444

E-Mail: herzog@vghmannheim.justiz.bwl.de

Zufahrt: 

Nächste VRN-Haltestelle: „Plantetarium“

VRN-Fahrplanauskunft

Öffnungszeiten: 

Zu den normalen Geschäftszeiten: Mo-Fr. 8.00 - 16.00 Uhr. Die Verhandlungen der Prozesse sind in der Regel öffentlich.

Denkmalschutz: 
Ja
Barrierefrei: 
Ja