Zeitzeugen der Sozialgeschichte

WOCHENBLATT Mannheim

Ehrenamtlicher Einsatz für Erhalt von historischen Bauwerken. Von Veith Lennartz.

Die Metropolregion und speziell Mannheim machen in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Wandel durch: von der Industrie- zur Dienstleistungs­gesellschaft. Dabei drohen bedeutende Zeugnisse der industriellen Vergangenheit auf der Strecke zu bleiben. Der Verein Rhein-Neckar Industriekultur (RNIK) hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Erbe zu erhalten. Fabrik, Hafen und Arbeitersiedlung – sie gehören zur Geschichte der Rhein-Neckar-Region.

Die Industrie und die Leistungen ihrer Arbeiterschaft, Pioniere und Architekten waren und sind prägend für die Städte und Gemeinden. Hierin gründet das Selbstverständnis vieler Menschen. Durch sein Engagement will der Verein diese Objekte nicht nur als Kulturgüter ins Bewusstsein bringen, sondern auch vor Vernachlässigung oder aber Abriss schützen.

Angeregt von Beispielen aus anderen Regionen wie dem Ruhrgebiet oder der Route der Industriekultur Rhein-Main haben sich zehn Leute aus der Gegend zusammengetan, um darzustellen, wie vielfältig Industrie-Kultur in der Metropolregion Rhein-Neckar ist. Es gibt viele außergewöhnliche bauliche, technische und künstlerische Sachzeugen der Industrie- und Sozialgeschichte in der Region, die ähnlich wie Kirchen, Schlösser und Burgen mehr oder weniger erhalten sind und ein ebenso wertvolles historisches Erbe darstellen. Dazu gehören Fabrikhallen, Elektrizitätswerke, Hafenanlagen, Industriemühlen, Werkssiedlungen, Direktorenvillen, Brücken, Wassertürme, Pump- und Klärwerke und vieles mehr. Über 100 Bauwerke werden auf der Webseite des Vereins bereits bebildert und beschrieben, ergänzt durch geschichtliche und technische Daten sowie praktische Informationen wie Öffnungszeiten, Kontakte, Barrierefreiheit und Lageplan mit Anfahrtsweg.

Mit großem Erfolg veranstaltet die Gruppe thematische Führungen und Fahrten. Auch interessante Ausstellungen gehören zu den Aktivitäten des Vereins, oft in Kooperation mit anderen Institutionen. Aktuell wird eine Ausstellung zur Miederwarenfabrik Felina vorbereitet, die dieses Jahr ihr 125-jähriges Bestehen feiert. Informationen über die früheren Arbeits- und Lebensbedingungen sind dabei willkommen, denn das Forscher-Team der Industriekultur geht bei seinen Erkundungen nicht nur in die Archive der Firmen, sondern befragt auch ehemalige Beschäftigte, Besitzer, Hausmeister und Nachbarn der Betriebe.

Das Projekt Rhein-Neckar-Industriekultur wird seit drei Jahren ausschließlich von Privatpersonen in ehrenamtlichem Engagement getragen. Interessierte Bürgerinnen und Bürger, Kulturschaffende, Unternehmen und Institutionen wie Heimat- und Spezialmuseen oder historische Vereine sind willkommen, sich mit eigenen Beiträgen zu beteiligen. Eine Vernetzung solcher industriekultureller und heimatgeschichtlicher Aktivitäten ist angestrebt.

Längerfristig stellt sich der Verein Rhein-Neckar Industriekultur vor, kulturell und touristisch interessante „Tage der Industriekultur“ und einen „Pfad zur Industriekultur“ in der Region einzurichten. Für die Bewerbung der Stadt Mannheim als Kulturhauptstadt Europas spielt auch die Industrie eine wichtige Rolle. Als Kultur-, Bildungs- und Freizeitangebot kann Industriekultur auch für Schulen und Fortbildung attraktiv sein, ebenso wie für Betriebsausflüge, Familien mit Kindern oder interessierte Menschen.

Quelle: www.rhein-neckar-industriekultur.de/presse/industriekultur/zeitzeugen-der-sozialgeschichte