Verwaltungsgebäude der Montangesellschaft Saar mbH (Sitz Mannheim)

Bachstraße 5-7
68165 Mannheim

Die Montangesellschaft Saar mbH wurde nach dem Ersten Weltkrieg von der Neunkirchener Firma Gebrüder Stumm gegründet. Nach dem verlorenen Krieg und nach der Abtrennung des Saargebiets verlegte der Konzern, der damals 6000 Mitarbeiter hatte, seine Aktivitäten ins Ruhrgebiet. Im Vollbesitz der Gebrüder Stumm GmbH waren die Rheinisch-Westfälische Bauindustrie in Düsseldorf, die Deutsche Erdfarben-Industrie und Schwertspatwerke in Burg sowie die ebenfalls 1920 gegründete Montangesellschaft Saar mbH in Krefeld. Zur selben Zeit siedelte sich die Montangesellschaft Saar mbH auch mit Niederlassungen in Mannheim, Hamburg, München und Hannover an.

Das viergeschossige Gebäude wurde im Stil der Neuen Sachlichkeit mit expressionistischen „Applikationen“ errichtet. Die Straßenfassade weist eine regelmäßige Durchfensterung auf. Das Sockelgeschoss ist mit behauenen und genuteten gelben Sandsteinblöcken rustiziert, die Obergeschosse haben einen Putzbewurf. Im untersten Geschoss befindet sich mittig das mit Reliefs künstlerisch hervorgehobene prächtige Hauptportal. Die beiden Bergbau-Embleme mit Schlägel und Eisen weisen auf die Unternehmensbranche des Bauherrn hin. Links davon ist die historische Durchfahrt zum Hof mit der originalen Doppelflügeltür aus Holz und mit Metallgitter erhalten. Der rechts von dem Hauptzugang liegende Eingang wurde anstelle eines ursprünglich dort befindlichen Fensters erst 1947 als direkter Zugang zu den Mietflächen der Hansa-Druckerei geschaffen. Sämtliche Fenster-, Balkon- und Ziergitter an der Fassade weisen ein Zacken- oder Rautenmotiv auf – ein deutliches Indiz für die expressionistische Formensprache.

Die dritte, sechste, neunte und zwölfte Fensterachse wird durch Balkone und expressionistische Dreieckgiebel aufgelockert. Die vier Balkongeländer in der dritten Etage präsentieren das Monogramm „MO“ für „Montangesellschaft“. Alle Fenster werden durch scharfkantige Gewände aus gelbem Sandstein gerahmt. Ein Traufgesims trennt die Vollgeschosse vom Mansarddach. Die acht mittleren Achsen ziehen sich als gerader Aufsatz über die Traufe ins Dach hinein. Über diesem Aufsatz wurde bei einem Umbau Mitte der 1970er Jahre das Dach straßenseitig zugunsten einer Dachterrasse aufgeklappt. Damals erweiterte man auch den Speicher zu Wohnraum.

Nutzung (ursprünglich)

Verwaltungsgebäude und Wohnungen

Nutzung (derzeit)

Büros und Wohnungen

Geschichte

Gemäß dem Friedensvertrag von Versailles aus dem Jahre 1919 musste das Deutsche Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ein Großteil des Saargebietes als Mandatsgebiet dem Völkerbund auf 15 Jahre übertragen. Als Wiedergutmachung seiner Kriegsschäden erhielt Frankreich im Mandatsgebiet sämtliche Steinkohlegruben mit dem Recht auf alleinige Ausbeutung. Nach 15 Jahren sollte ein Volksentscheid über die weitere staatliche Zugehörigkeit des betreffenden Areals entscheiden. Dieser Volksentscheid fand in den Tagen vom 13. bis 15. Januar 1935 statt und brachte eine 90%ige Zustimmung der Saar-Bevölkerung für die Wiederanbindung an das Deutsche Reich. Nur zehn Jahre später kam es infolge des verlorenen Zweiten Weltkriegs zu einer ähnlichen Entwicklung wie nach dem Ersten Weltkrieg. Auch dieses Mal wurde das Saargebiet verwaltungsmäßig und wirtschaftlich an Frankreich abgetreten. Erst Ende 1956 kam das Saarland wieder an die Bundesrepublik Deutschland zurück.

Die Montangesellschaft Saar mbH wurde nach dem Ersten Weltkrieg von der im Jahre 1903 in eine GmbH umgewandelten Neunkirchener Firma Gebrüder Stumm gegründet. Dem Versailler Vertrag entsprechend gehörten der Neunkirchener Eisenwerk  AG, vorm. Gebrüder Stumm im Jahre 1920 nur noch 40 % des Aktienkapitals; 60 % waren im französischen Besitz. Nach dem verlorenen Krieg und nach der Abtrennung des Saargebiets verlegte der Konzern, der damals 6000 Mitarbeiter hatte, deshalb  seine Aktivitäten ins Ruhrgebiet. In Düsseldorf wurde die Gebürder Stumm GmbH als Verwaltungsgesellschaft gegründet, bei der die Konzernunternehmungen Gesellschafter waren. Im Vollbesitz waren die Rheinisch-Westfälische Bauindustrie in Düsseldorf, die Deutsche Erdfarben-Industrie und Schwertspatwerke in Burg sowie die Montangesellschaft Saar mbH in Krefeld, die ebenfalls erst seit 1920 dort tätig war. Zur selben Zeit siedelte sich die Montangesellschaft Saar mbH mit Niederlassungen auch in Mannheim, Hamburg, München und Hannover an; in der Quadratestadt zunächst in der Fruchtbahnstraße 24.

Die Pläne für ein Verwaltungsgebäude in der Oststadt in der Bachstraße 5-7 entstanden im August 1922. Im dritten Obergeschoss wurden zwei Wohnungen eingerichtet, eine davon für den Direktor der Niederlassung Wilhelm Walther. Im darüber liegenden Dachgeschoss wohnten der Kaufmann Hans Neuer sowie der Chauffeur des Direktors, Fritz Better. Der Hausmeister F. Braun bezog eine Wohnung im Erdgeschoss. Die Eintragung ins Handelsregister folgte jedoch erst am 6. Oktober 1927.

Der An- und Verkauf von Eisen und Stahl aller Art, einschließlich der Rohstoffe, welche zur Herstellung oder Verarbeitung oder Legierung von Eisen und Stahl dienten sowie aller hiermit in Verbindung stehenden Geschäfte war Gegenstand des Unternehmens. Die Freude im Unternehmen nach der erfolgreichen Saarabstimmung im Januar 1935 war sicherlich groß, weshalb man anlässlich der Rückführung des Saargebietes ins Deutsche Reich die Fassade illuminierte und beflaggte wie die Fotos aus dem Marchivum zeigen. Während des Dritten Reichs übernahm die Montangesellschaft Saar mbH die Karlsruher arisierte Eisenwarenhandlung L. J. Ettlinger für ein Viertel des vom Eigentümer vorgeschlagenen Kaufpreises und ließ verlauten, dass sie bestrebt sei, "diesen übernommenen Betrieb in nationalsozialistischem Geiste weiter zu führen und wieder zu seiner alten Bedeutung zu bringen". Nach dem Zweiten Weltkrieg präsentierte sich das Unternehmen hingegen ohne Unrechtsbewusstsein als im Dritten Reich verfolgt. In einem Schreiben des Direktors Wilhelm Walther an den Mannheimer Oberbürgermeister anlässlich der erwünschten Zuteilung von Baumaterialien zum Wiederaufbau des Verwaltungsgebäudes heißt es im September 1946: "...Als nichtnationalsozialistische Firma, als Unternehmen, das für die nationalsozialistischen Belange und deren Vertreter nicht die nötigen Mittel und sonstigen Werte zur Verfügung stellte, behandelte man uns auch auf jenen Stellen dementsprechend...Wir sehen aber nicht ein, daß im neuen Staatswesen wir weiter gredrückt werden sollen, so wie wir gedrückt wurden in jener Zeit als nichtnationalsozialistische Firma." Schließlich erfolgte 1947 nach Plänen des Mannheimer Architekten Nicolaus Reinhard der Wiederaufbau des ab dem ersten Obergeschoss stark zerstörten Gebäudes. Die Hansa-Druckerei, die damals die rechte Hälfte des Sockelgeschosses angemietet hatte, erhielt in dem Zusammenhang für ihre Buchbinderei straßenseitig einen eigenen Zugang, indem ein Fenster an der Grundstücksgrenze zur Bachstraße 9 zu einer Doppelflügeltür umgebaut wurde.

In den 1960er Jahren errichtete die Montangesellschaft Saar, die damals unter dem Direktor Josef Racke ihren Hauptsitz in Mannheim hatte,  Zweigniederlassungen in Dortmund, Duisburg, Essen, Freiburg, Hamburg, Karlsruhe, München und Regensburg. Die Firma war demzufolge bundesweit verzweigt. Im April 1972 verkaufte die Montangesellschaft Saar mbH das Anwesen Bachstraße 5-7 schließlich an Privateigentümer, verlegte ihren Sitz nach Essen und zog sich aus Mannheim zurück. Die Firma blieb bis zur Auflösung des Mutterkonzerns Gebrüder Stumm infolge Insolvenz im Jahre 1975 zu 100 % im Besitz des Dachunternehmens. Die im Jahre 1995 als 100 %ige Tochterfirma des ehemaligen saarländischen Unternehmens Saarbergwerke AG gegründete SaarMontan in Saarbrücken hat mit der Montangesellschaft Saar nichts zu tun.

Die neuen Eigentümer des Anwesens Bachstraße 5-7 ließen rückwärtig einen Aufzug an- und im zweiten Dachgeschoss zwei Wohnungen einbauen. Hierzu wurde u.a. das Dach straßenseitig über dem gemauerten Mittelteil für eine Dachterrasse aufgeklappt.

Eigentümer
Privateigentum
Erbauer
Montangesellschaft Saar mbH
Architekt
Wiederaufbau 1946-47 durch Nicolaus Reinhard
Bauzeit / Umbauten
1922-23, Wiederaufbau 1946, Umbau des zweiten Dachgeschoss zu Wohnungen 1975
Quellen
  • Oskar Wortmann: Die rheinisch-westfälischen Montankonzerne nach dem Stande von Mitte 1922, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 18, 1922 (Chronik und Archivalien), S. 223
  • Arnold Troß: Der Aufbau der Eisen- und eisenverarbeitenden Industrie-Konzerne Deutschlands. Ursachen, Formen und Wirkungen des Zusammenschlusses unter besonderer Berücksichtigung der Maschinen-Industrie, Heidelberg 1923
  • Wiederaufbauakte Stadt Mannheim, Marchivum Zug. 5/1975, Nr. 2953
  • Umbauakte Stadt Mannheim, Marchivum Zug. 42/1980 Nr. 102
  • Denkmalakte Stadt Mannheim
  • Generallandesarchiv Karlsruhe (mehrere Wiedergutmachtungsakten und Zivlprossakten zum Erwerb der Firma L.J.Ettlinger durch die Montangesellschaft Saar mbH)
Denkmalschutz
Ja
Zufahrt

ÖPNV Straßenbahn Linie 6 (Pestalozzischule)

Öffnungszeiten

öffentlich nicht zugänglich

Barrierefrei
Nein
Autor/in
Monika Ryll
Letzte Änderung

Quelle: www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/verwaltungsgebaeude-der-montangesellschaft-saar-mbh-sitz-mannheim