ausgeplündert – deportiert – ermordet

Bettfedernfabrik
Betty Barclay
Felina
Sackfabrik
Hubermühle
Löbmann, heute DRK
Cahn & Rheinauer
Rhenania

Veranstaltung am 13. 10. 2020 – VHS Mannheim

Vor 80 Jahren wurden die badischen und pfälzischen Juden von den Nazis in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen verschleppt. 6500 Menschen, darunter ca. 2000 aus Mannheim landeten im „Vorhof zur Hölle“. Aus Anlass des Jahrestages veranstaltete unser Verein in der Abendakademie einen bebilderten Vortragsabend. Der Andrang war so groß, dass der Vortrag gleich zweimal am selben Abend gehalten wurde. Barbara Ritter und Veit Lennartz schilderten an zahlreichen Beispielen, was jüdische Familien für die Stadt geleistet haben, wie sie von den Nazis drangsaliert und entrechtet wurden und was mit ihnen und ihren Unternehmen geschah. Vor der NS-Zeit gab es in Mannheim 1244 jüdische Betriebe, bis zum 1. März 1939 waren noch 64 übrig. Auch die wurden dann liquidiert. Innerhalb von sechs Jahren verschwanden also weit mehr als 1000 Betriebe völlig von der Bildfläche oder wurden von „arischen“ Neubesitzern weitergeführt.

Bettfedernfabrik

Ein Beispiel ist die Bettfedernfabrik Kahn und Söhne im Industriehafen. Heute erinnert noch ein schmuckes Gebäude an die damalige Zeit. Jetzt sind Start-Ups, eine Tango-Schule und das Eventcenter „Manufaktur“ dort untergebracht. Dort produzierte einst Deutschlands größte Bettfedernfabrik der Familie Kahn. Die Kahns engagierten sich in Politik und Gesellschaft. Bernhard Kahn nimmt an der 1848ger Revolution teil, ist 26 Jahre lang Stadtrat. Emma Kahn gründet die Volkslesehalle in der Mittelstraße. 1939 wird die Firma „arisiert“, d.h. durch Druck der Nazis weit unter Wert verkauft. Die Kahns können nach Amerika fliehen. Einige waren schon vorher im Ausland.
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Betty-Barclay

Die Firma Betty Barclay hat ihre Wurzeln in der „Arisierung“ er jüdischen Wäschefabrik Eppstein & Gerstle durch Max Berk. Auch hier können die jüdischen Besitzer der Fabrik, die Familie Zwang, gerade rechtzeitig in die USA entkommen, nachdem sie ihr Unternehmen verschleudern mussten. In einer entwürdigenden Prozedur kämpfen sie nach dem Krieg um Wiedergutmachung. Oft sind die Richter alte Nazis, denen die Juden zum zweiten Mal ausgeliefert sind. Der „Ariseur“ ist in diesem Fall ein ehemaliger Lehrling, der aus der angeeigneten Firma das Unternehmen Betty Barclay macht. In der Firmengeschichte und der Öffentlichkeit kein Wort darüber, wie das alles zustande gekommen ist.

Felina

Kaum zu übersehen ist in der Neckarstadt der Komplex, in dem „die Felina“ einst Mieder und Korsetts herstellte. Weibliche Anmut, formvollendete Figur, das sind die Begriffe, mit denen Felina den Markt erobert. Die Gebrüder Herbst waren schon 1890 nach Mannheim gekommen und machten Felina zu einem Weltunternehmen. 1933 arbeiten im Mannheimer Stammwerk ca. 1000 Näherinnen. Weil die Brüder jüdischen Glaubens sind, müssen sie ihre Firma mit hohen Verlusten abgeben. Ihnen gelingt die Flucht nach Canada. Den „Ariseur“ Richard Greiling kann man noch nicht einmal als Antisemiten bezeichnen. Er war ein skrupelloser Geschäftsmann, eine „Heuschrecke“.
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Blumenstein

Sie haben ganz klein angefangen, Abraham und Leopold Blumenstein. 1866 gründen sie in Mannheim eine Sack-Leihanstalt. Daraus entsteht im Laufe der Zeit ein international tätiger Konzern de, 1929 50 Unternehmen mit insgesamt 30 000 Beschäftigten angeschlossen sind. Darunter die Firma Seilwolff in Neckarau. Als die Nazis an die Macht kommen, emigriert Joseph Blumenstein mit seiner Familie nach Holland. Nach dem Einmarsch der Deutschen werden die Blumensteins in die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz deportiert und ermordet.
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Hubermühle

Das gleiche Schicksal erleidet die Familie Heymann. Die Heymanns errichten im Industriehafen erst eine Malzfabrik, dann eine Reis- und Erbsenschälmühle. Albert Heymann ist in Mannheim eine respektierte Persönlichkeit. Er wirkt zum Beispiel beim Schiedsgericht der Produktenbörse mit. Und immer wieder das gleiche Muster: Boykott durch die Nazis, Zwangsverkauf weit unter Wert, Verfolgung. Die Familie flieht 1938 nach Holland. Dort werden sie 1942 interniert, nach Bergen-Belsen verschleppt und umgebracht. Die großen Gebäude der Heymann-Mühle, die seit der Zwangsarisierung 1938 Hubermühle heißt, sind in der Industriestraße noch original zu sehen. Heute genutzt als Gewürz- und Saatenlager.
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Fritz Löbmann

Er ist zehn als er mit seiner Familie am 22. Oktober 1940 von den Nazis nach Gurs verschleppt wird. Eine französische Hilfsorganisation rettet ihn aus dem Lager, aber vier Jahre später wird sein Versteck verraten. Fritz Löbmann ist 14, als er von den Nazis in Auschwitz vergast wird. Die Löbmanns sind mehrere Geschwister, die sich um 1900 in Mannheim niederlassen und im Bereich Schmieröl tätig sind. Die Geschäfte gehen gut, bis 1933, als der Totalboykott zum Ruin führt. Dann die Deportation nach Gurs. Ein Teil der Familie wird ermordet. Aber der Vater des kleinen Fritz kann selbst aus dem Lager fliehen und gelangt in die USA. Nach dem Krieg erhält er eine mickrige Rente von 311 DM wegen „Schadens im beruflichen Fortkommen“.
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Cahn und Rheinauer

Die Firma Cahn und Rheinauer liefert Rohstoffe für die Bürstenproduktion an Blindenfürsorge-Anstalten im ganzen deutschen Reich. Produziert wird im Industriehafen. 1938 kommt es auch hier zur „Arisierung“, wieder zu einem Spottpreis. Fritz Cahn, der eine nichtjüdische Frau geheiratet hat und ab da den Namen Cahn-Garnier trägt, ist 1922 Stadtsyndikus, Beigeordneter und Dozent. Die Nazis verfolgen ihn, aber der Deportation nach Gurs entkommt er wegen seiner „privilegierten Mischehe“. Er muss mehrfach untertauchen. Gleich nach dem Krieg ist er wieder Stadtsyndikus, dann Finanzminister des Landes Württemberg-Baden und von 1948 bis zu seinem Tod 1949 Oberbürgermeister von Mannheim.
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Rhenania

Es gibt aber auch ein Beispiel, das gut ausgegangen ist. Es geht um die Firma „Rhenania“ und deren Besitzer, den Gebrüdern Jakob und Hermann Hecht. Sie haben ein Speditions- und Schifffahrtsimperium aufgebaut, mit zahlreichen Niederlassungen im Ausland. Schon 1910 bauen die Hechts das modernste Getreidesilo am ganzen Rhein in Mannheim. Und weil der bayerische Staat sich beteiligt und sie ihren Firmensitz in die Schweiz verlegen, haben sie Glück. Die Hechts verkaufen ihren Konzern an den Konkurrenten „Haniel“ und wandern über die Schweiz nach Amerika aus. Nach dem Krieg erhalten sie die Mehrheit des Aktienkapitals zurück. Schon 1953 ist die Rhenania-Gruppe wieder führend im Schifffahrts- und Transportgeschäft in Europa. An der Kammerschleuse, am Eingang zum Industriehafen ist das große, alte Lagerhaus noch weithin als Industriedenkmal zu sehen.
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Tipp

Für ausführliche Informationen zur Arisierung in Mannheim ist das Buch „Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt“ von Christiane Fritsche zu empfehlen.
Nähere Informationen zu den geschilderten Firmen und ihren Besitzern über den jeweiligen Link „Mehr zum Objekt“.

Quelle: www.rhein-neckar-industriekultur.de/fotoalbum/ausgepluendert-deportiert-ermordet