Getreidelagerhäuser am Mannheimer Rheinkai

Rheinkaistraße 17
68159 Mannheim

Die beiden Gebäude sind klassische Getreidelagerhäuser: der Silospeicher, ein fast fensterloser hoher Block, der nur oben eine Krone von Fenstern aufweist. Dahinter befinden sich die senkrechten Silozellen, die vom obersten Stock bis zum Erdgeschoss reichen. Meist sind sie aus Beton. Der niedrigere Block – der Bodenspeicher – mit fünf Fensterbändern enthält die Schüttböden, auf denen das Korn horizontal in abgetrennten Kammern lagert(e). Inzwischen ist diese Arte der Lagerung überholt. In der Mitte steht ein schmaler hoher Aufbau mit Fenstern – der Maschinenturm. Hier führt das Treppenhaus, der Aufzug und die Getreide-Elevatoren nach oben und es befinden sich Waagen in diesem Bereich. Ein elegantes, schwungvolles Dach bekrönt diesen Turm beim Raiffeisen-Lagerhauses. Der Rhenania-Speicher ist um einiges größer.

Schemazeichnung Getreidespeicher
Funktionsschema eines Getreidespeichers, Quelle: 150 Jahre Rheinhafen

Vor dem Zweiten Weltkrieg standen hier üppig verzierte Lagerhäuser in klassischer Backstein-Architektur der 1890er Jahre, die in ihrer Pracht einem Vergleich mit den Häusern der Hamburger Speicherstadt nicht scheuen müssen. Leider existieren nur wenige Fotos davon. Die zahlreichen Krane hatten spitzige Dächer, auch an den Lagerhäusern selbst waren offenbar Erker und Gauben mit „Spitzhüten“ versehen. Nach Kriegszerstörung werden in den 1950er Jahren die Getreidelagerhäuser in schlichter kubischer Form wieder aufgebaut.

Das erste große Lagerhaus ist aktuell an Rhenus verpachtet. Vom zweiten, etwas kleineren Lagerhaus hat die ZG-Raiffeisen das Silo-Lager gepachtet. ZG Raiffeisen eG bedeutet „Zentralgenossenschaft“ der landwirtschaftlichen Raiffeisen Genossenschaften. Hier lagert Weizen, Raps und Feuchtmais in großen Mengen. Raps dient vor allem der Versorgung der Ölindustrie. Der Mais, der hier auch getrocknet werden kann und der Weizen gehen ebenfalls in die Industrie (Stärke-, Futtermittel- und Energiebetriebe).

Nutzung (ursprünglich)

Getreidelagerhäuser

Nutzung (derzeit)

Getreidelagerhäuser

Geschichte

Getreide-Speicher von Rheinschifffahrt Fendel

""1909
links die Getreidespeicher um 1909

Der befestigte Rheinkai wird erst nach dem Ausbau des Mühlauhafens im Jahr 1895 fertiggestellt. Es entstehen hier die prächtigen Lagerhäuser der Firma „Rheinschifffahrt-AG vorm. Gebr. Fendel“.

Josef Conrad Fendel (1842-1912) baut 1887 das erste Tankschiff zum Transport von Petroleum. Dieses Unternehmen, das sich vom kleinen Partikulierer zu einer internationalen Binnenschifffahrt-Reederei entwickelt, besitzt um 1909 Lagerhäuser und Anlagen am Rheinufer mit einer Uferfront von 600 m.

  • Rheinkaistr. 8b: Reparatur-Werkstätten der Reederei;
  • Rheinkaistr. 11-13: Silospeicher;
  • Rheinkaistr. 15: Getreidelagerhaus und Silospeicher (Architekten: Plöttner & Weiß, Mannheim). Beide Lagerhäuser besitzen je 2 Elevatoren und je 1 elektrischen Kran; die Lagerhäuser haben ein Fassungsvermögen von je 300 000 Sack Getreide.
  • Rheinkaistr. 17: Werfthalle und Hauptbüro der Gesellschaft; in diesem Gebäude befindet sich die Zollabfertigungsstelle IV. Die Werfthalle dient hauptsächlich dem Stückgutverkehr und ist mit elektrischen Kranen ausgerüstet.

Im Zweiten Weltkrieg werden diese Speicher weitgehend zerstört. Mehr Infos zur Geschichte und Bedeutung der Reederei bei: ehemaliges-verwaltungsgebaeude-der-rheinschiffahrts-ag-vormals-gebrueder-fendel


Der Hirsch-Speicher – Quelle Marchivum

Der Hirsch-Speicher

Es gab weiter in Richtung Norden an der Rheinkaistraße 19 einen dritten sehr großen Getreidespeicher der Firma Jakob Hirsch & Söhne mit 146 Silozellen und 1600 qm an Schüttböden. Dieser Speicher verfügt zusätzlich über eine Weizen- und Gerstenreinigungsanlage. Er wird im Krieg nur wenig zerstört und war lange einer der wenigen historischen Bauten am Handelshafen. 1991 wird er durch ein Großfeuer (Selbstentzündung des Getreides) zerstört. Ein modernes Lagerhaus wird 1995 dort errichtet. Es kann wetterunabhängig von Schiff, Bahn und LKW bedient werden, es kann wärmeempfindliche und wassergefährdende Güter lagern, da sein Keller als Löschwasser-Rückhaltebecken funktioniert.

Die aktuellen Gebäude an der Rheinkaistraße 15 und 17 entstehen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Pächter sind dort lange Zeit die Firma Rhespag und Rhenania (zur Geschichte der Rhenania siehe LINK) angesiedelt. Etwa 2015 übernimmt die „ZG Raiffeisen“ den Silospeicher der Nr. 17.

""Rhespag
Werbung der Rhespag um 1957

Die Rhespag,

die „Rheinische Speditions- und Schifffahrtsgesellschaft mbH“ wird in den 1920er Jahren gegründet wird. Rhespag hat dort nach dem Wiederaufbau der Lagerhäuser am Rheinkai in den 50er Jahren 18.000 Tonnen Getreide lagern können, in 76 Silozellen und auf 120 Schüttböden. Dazu kamen Keller und Parterre-Räume für Stückgüter. Noch 2009 stand hier für den Güterumschlag ein Wippkran.

ZG Raiffeisen

Heute verfügt die ZG-Raiffeisen in dem Lagerhaus über 68 Silozellen, vier bleiben frei; die Schüttböden sind anderweitig vermietet. Die ZG Raiffeisen entwickelt sich aus der „Zentral-Bezugs und Absatz-Genossenschaft des Badischen Bauern-Vereins eGmbH“, die 1911 in Freiburg entsteht. Das nordbadische Pendant gibt es seit 1920 in Karlsruhe. Die Fusion der beiden erfolgt 1929.

Die Geschichte der landwirtschaftlichen Genossenschaft reicht jedoch bis in der Hungerwinter von 1846/47. Der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) gilt als Vater der landwirtschaftlichen Einkaufsgenossenschaften. 1858 wird in Karlsruhe die erste in Baden gegründet. Die später gegründeten Zentralgenossenschaften übernehmen Aufgaben, die die lokalen Primärgenossenschaften nicht allein stemmen können.

In der NS-Zeit wird die Raiffeisengenossenschaft gleichgeschaltet und im Zuge der „Erzeugungsschlacht“ den Autarkieplänen eingegliedert. So errichtet die ZG Raiffeisen 1935 in Osterburken ein Flachswerk. „Der massenhafte Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern prägten bis Kriegsende das Bild der Landwirtschaft.“ So beschreibt die ZG Raiffeisen erstaunlich ehrlich der Zustände diese Zeit.

Der Wiederaufbau und der schnell einsetzende Strukturwandel in der Landwirtschaft in den Industriezentren hat die Zentralgenossenschaften immer weitere Funktionen übernehmen lassen: Von Gartenmarkt bis Baucenter und Energielieferant ist alles vertreten, was die moderne Landwirtschaft als Betriebsmittel braucht.

Bauzeit / Umbauten
um 1890 und Neubauten in den frühen 1950er Jahren.
Quellen:

Zufahrt

Die  beste Sicht auf die Speicher hat man als Fußgänger von der Kurt-Schumacher-Brücke.

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Autor*in
Barbara Ritter 03.2021
Letzte Änderung

Quelle: www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/getreidelagerhaeuser-am-mannheimer-rheinkai