Themenwochen »Die Industrie und der Müll« 19. Juli 2022

Auftaktveranstaltung beim Gemeinschafts-Müllheizkraftwerk in Ludwigshafen (GmL)

»Das Denken hört an der Mülltonne auf«

Im ehemaligen Hallenbad Nord, das heute nicht nur dem GmL als Löschwasserreserve dient, sondern auch Ausstellungen und Konzerten einen originellen Veranstaltungsort bie­tet, begrüßte Kornelia Junge1 die Teilnehmer*innen. Danach schlug Dr. Thomas Grommes, der Leiter des GmL, einen Bogen über 5000 Jahre Müllgeschichte.

Schon 3000 Jahre vor Christus gab es Abfallgruben, die Tonscherben, Metalle, Leder und ähnliches enthielten. Vom Alten Athen ist bekannt, dass es eine Art Abfallsatzung und eine Müllentsorgung hatte. Auch im Alten Rom gab es eine Stadtreinigung. In hiesigen Gefilden wurde der Müll, einschließlich der Fäkalien, schlicht auf die Straße gekippt. Bei wachsen­der Bevölkerung in den Städten führte dieses Verhalten im Mittelalter nicht selten zu Seu­chen. Der erste Mülleimer wurde 1884 in Frankreich von einem Herrn Poubelle entwickelt, dessen Name das gute Stück dort bis heute trägt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde be­gonnen, an einer staubfreien Müllentsorgung zu arbeiten, die mit einer zunehmenden Ma­schinisierung einherging. Bis Ende des zweiten Weltkrieges enthielt der Müll hauptsächlich Asche aus dem Hausbrand. Entsorgt wurden die Abfälle auf Flächen außerhalb der Wohn­bebauung, Fäkalien landeten in Sickergruben. Die erste Müllverbrennungsanlage, die da­mals weder über Rauchgasreinigung noch Energieauskopplung verfügte, entstand 1883 in Hamburg.

Mit der rasanten Verbreitung des billigen und vielfältig nutzbaren Kunststoffes Polyvinyl­chlorid (PVC) und ähnlicher Stoffe in Zeiten des sogenannten Wirtschaftswunders wurde die sorglose Abfallentsorgung zu einem ernsten Problem für die Umwelt. Immer mehr Pro­dukte wurden durch Kunststoffe ersetzt, immer mehr wurde in Plastik verpackt und einge­tütet. In der BRD gibt es erst seit 1972 ein Abfallgesetz und ein Deponierungsverbot seit 2005. Bestehende Deponien wurden z. T. abgedichtet, doch etliche sind nach wie vor un­ten offen mit unbekannten Auswirkungen. Heute gibt es in Deutschland über 80 moderne Müllverbrennungsanlagen.

Für die Beseitigung des Mülls von einer Million Menschen ist das Ludwigshafener Werk zuständig. Was hier ankommt, sind gemischte Abfälle unterschiedlichster Herkunft.

»Im Müll spiegelt sich unsere Konsumgesellschaft«, sagt Thomas Grommes und verweist mit Nachdruck auf die Notwendigkeit von Vorgaben für Produktentwickler und mehr Nach­denken über Kauf- und Wegwerfverhalten bei uns allen.

Diese Aussage unterstreicht der Blick in die Müllverbrennungsanlage nachdrücklich. Ein riesiger Greifer füttert die Öfen mit unseren Hinterlassenschaften. In dem unappetitlichen Bündel registriert das Auge auf die Schnelle einen Teppich, ein Rohr, Undefinierbares und viel, viel Plastik, darunter auch unendliche Meter der Abdeckplanen aus der modernen Landwirtschaft. Das Werk verfügt über eine Rauchgasreinigung, eine Schlackeaufberei­tunsanlage und liefert Dampf an die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL), die daraus Heizwärme herstellen.

Details zur Arbeitsweise des GmL finden sich im Informationszentrum in der interessanten Ausstellung »Die vier Elemente« im und am ehemaligen Hallenbad Nord.

Ulrike Thomas

1 Konzipiert wurden die Themenwochen von einer Arbeitsgruppe des Vereins Rhein-Neckar-Industriekultur, der neben Kornelia Junge, Heiner Ritter, Claus Kilpert und Andreas Schmidt angehören.