Villa Am Oberen Luisenpark 5

Das im barockisierenden Stil errichtete prächtige Wohngebäude ist eine der am besten erhaltene und zugleich einzigartige Villa Mannheims. Es erinnert mit seiner architektonischen Leichtigkeit an französische Landschlösser des 18. Jahrhunderts und blieb in der Quadratestadt eine Ausnahmeerscheinung dieser Epoche.

Die zweigeschossige Villa ist komplett mit gelbem Sandstein verkleidet. Die Werksteinfassaden weisen reiche Steinmetz- und Bildhauerarbeiten auf. Der Eingangsbereich tritt als Mittelrisalit, der durch ionische Pilaster gegliedert ist, vor. Das Hauptportal überragt ein Rundbogen mit Kartuschenfeld. Die abgerundeten Ecken des Hauses werden durch Lisenen charakterisiert. Zu Seiten der Fenster des ersten Obergeschosses hängen an der Straßenfassade girlandenumrahmte Medaillons.

Auch die anderen drei Seiten des Hauses weisen halbrunde Risalite bzw. eckige Erkervorbauten mit üppigen Steinmetzarbeiten auf. Als gestalterische und optische Trennung zwischen Vollgeschoss und Dachzone verläuft ein Kranzgesims mit Konsolfries. Das steile Mansardgeschoss wird durch Gauben, die über den Risaliten durch aufwendige Werksteingewände geschmückt sind, belichtet. Das Dach ist mit Naturschiefer eingedeckt. An der Gartenseite werden die beiden Balkone mit kunstvollem Schmiedegeländer von toskanischen Säulen gestützt.

Das Grundstück wird zur Straße durch einen hohen Staketenzaun mit rustizierten Eckpfeilern aus gelbem Sandstein mit Kugelaufsätzen gesichert. Die Einfahrten werden durch schmiedeeiserne Gitterpfeiler markiert. Von der breit gelagerten von Balustern eingefassten rückwärtigen Terrasse führt eine breite Treppenanlage in den Garten, der unmittelbar an den Unteren Luisenpark angrenzt.

Besonders eindrucksvoll ist im Innern die Eigangshalle mit dem imposanten Treppenhaus. Während der letzten Sanierung wurden die ursprünglich in Stuc-Pierre-Technik, dann aber überfassten Wände wieder freigelegt. Bei der genannten aufwendigen Maltechnik werden die Wände mit Kunststein verkleidet und anschließend ein Fugenbild in malerischer Manier aufgetragen. Auch das schöne teilweise vergoldete Schmiedegeländer ist ein Blickfang in dem Treppenraum. Die Stufen bestehen aus Marmor. Das große Eichenfenster zur Straße konnte ebenfalls wieder restauriert werden. Da die Villa als Einfamlienhaus errichtet wurde, wurden schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg die Flächen im Erdgeschoss durch eine Wohnungsabschlusswand vom Treppenhaus abgetrennt. Den großen Mittelraum in der Dachgeschosswohnung belichtet ein schönes Glasoberlicht aus Bleisprossen und Buntglas. Zahlreiche Räume haben Parkettfußboden, Wandvertäfelungen und Stuck.

Geschichte

René Bohn (1862-1922), Chemiker und Vorstandsmitglied der BASF, ließ das Wohnhaus ab 1912 für sich und seine Familie errichten. Die Badische Anilin- und Sodafabrik wuchs am Standort Ludwigshafen um 1900 zum größten chemischen Werk weltweit, woran insbesondere René Bohn, der seit 1884 bei dem Unternehmen tätig war, durch das von ihm entwickelte Indanthren einen großen Anteil hatte. Der Entwurf wird dem Architekten Eugène Saint-Ange (1848-1914) zugeschrieben, der mit dem Palais Lanz noch ein weiteres Bauwerk in Mannheim hinterlassen hat. Nach dem frühen Tod des Bauherrn wohnte seine Ehefrau (1874-1961) noch bis 1933 in dem Haus. Danach kümmerten sich die beiden Kinder des Ehepaares, René jr. und Marise, um das Anwesen.

Am 8. Mai 1945 beschlagnahmte die amerikanische Besatzungsmacht Haus und Grundstück. Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs hielten sich in Grenzen. Die Militärregierung richtete hier im Dezember 1948 das sogenannte Amerikahaus ein. Das war eine überörtliche Bildungseinrichtung, die dem deutschen Volk in Vorträgen, Kinofilmen, Büchern und Zeitschriften demokratische Werte vermitteln sollte und zugleich als Begegnungsstätte von Besatzern und Deutschen diente. Für die gut besuchten Veranstaltungen bot die Villa aber schon nach wenigen Jahren nicht mehr genügend Platz, so dass die Institution im Juni 1951 in Räumlichkeiten des Parkhotels (heute Maritim) umziehen musste.

Mitte der 1950er Jahre verkauften die beiden Bohn-Kinder das Anwesen an den Makler Ernst Hieronymi, der es ca. 10 Jahre später an die Witwe Erika Harre (1917-1983) veräußerte. Diese war eine Enkelin von Leo (1863-1933) und Olga (1874-1951) Stinnes. Der Großvater war über viele Jahrzehnte Geschäftsführer der Mannheimer Zweigniederlassung der Mülheimer Firma Mathias Stinnes, die die wichtigen Branchen Bergbau, Kohlenhandel und Schifffahrt vereinte. Mannheim war bis zum Ersten Weltkrieg verkehrstechnisch als Umschlagplatz äußerst attraktiv, war doch die Befahrbarkeit des Rheins für die Großschifffahrt weiter südlich wegen des geringen Fahrwassers in der Regel nicht möglich. So blieb die Rhein-Neckar-Region lange Zeit Ausgangspunkt für den Kohlenmarkt Südwestdeutschlands und in die Schweiz. Leo Stinnes ließ ab 1899 durch die Mannheimer Baufirma F. & A. Ludwig in der Fruchtbahnhofstraße 9 im Mühlauhafen eine Brikettfabrik bauen. Das Kontor lag im Quadrat D 7 an der Rheinstraße. Sein Cousin Hugo Stinnes richtete übrigens 1904 als Konkurrenzfirma ebenfalls eine Zweigniederlassung in Mannheim in der Ruhrorter Straße ein.

Leo und Olga Stinnes hatten drei Töchter. Die älteste, Ilse (1896-1975), heiratete 1916 den Hauptmann Erich Linnarz (1879-1945). Das waren die Eltern der Erika Harre. Der Vater ging in die Annalen ein, weil er als Kommandant des Luftschiffes LZ 38 mit dem Bombenabwurf auf Londen in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1915 den Luftkrieg gegen England begann. Nur ganz wenige Jahre blieben der Ehe der Erika Harre mit dem Mannheimer Zahnarzt Dr. Fanz Harre vergönnt, fiel dieser schon sehr bald im Zweiten Weltkrieg bei Kämpfen im Osten. Erika Harre gehörte schließlich 1950 zu den 14 Gründerinnen des Deutsch-Amerikanischen Frauenarbeitskreises. Ihr recht beträchtliches Vermögen vermachte sie nach ihrem Tode 1983 als Vermächtnis der ATAG Bern in Sanen/Schweiz. Erbin war u.a. auch die Stadt Mannheim. Der Neffe Michael Harre, der seine Tante jahrelang als Gesellschafter im Leben begleitet hat, wurde noch drei Tage vor deren Tod zugunsten des bekannten Mannheimer Pressefotografen Walter Neusch (1927-2012) enterbt.

Die Stadt Mannheim erhielt aus dem Nachlass ein Großteil der Gemälde, Plastiken und kunstgewerblichen Gegenstände. Außerdem vermachte Erika Harre der Kommune das Grundstück mit Gebäude Am Oberen Luisenpark 5. Nach dreimaliger Ausschreibung veräußerte die Stadt Mannheim das Anwesen im Dezember 1986 an das Industriellen-Ehepaar Dr. Carl-Friedrich und Helga Reuther. Die Firma Bopp & Reuther ist ein in Mannheim 1872 gegründetes Unternehmen für Armaturenfabrikation, das insbesondere durch den Aufbau der zentralen Wasserver- und Entsorgung um 1900 einen rasanten Aufstieg nahm. Ende des 20. Jahrhunderts in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wurde Bopp & Reuther im Jahre 1990 vom IWKA-Konzern, der das Traditionsunternehmen aufteilte, übernommen. Carl-Friedrich Reuther, Urenkel des Firmengründers, war von 1987 bis zum Verkauf der Firma Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Im Jahre 2005 veräußerte Helga Reuther Grundstück und Villa Am Oberen Luisenpark 5 an einen Mannheimer Galeristen.

Eigentümer
Ernst Hieronymi; Erika Harre; Carl-Friedrich und Helga Reuther; u.a.
Erbauer
René und Hedwig Bohn
Architekt
zugeschrieben Eugène Saint-Ange
Bauzeit / Umbauten
1912-1914; ca. 1955; 1987
Baubestand

gut erhalten

Quellen
  • Monika Ryll: Die Villa Am Oberen Luisenpark 5. Ein Beispiel großindustrieller Repräsentanz in Mannheim, in: Mannheimer Geschichtsblätter, Bd. 30, 2018, S. 133ff
  • Ferdinand Werner: Mannheimer Villen, Worms 2009, S. 358ff
  • Tobias Möllmer: Französische Architektur im deutschen Kaiserreich, Mannheim 2008, S. 115ff
  • Andreas Schenk: Mannheim und seine Bauten, Bd. 5, Mannheim 2005, S. 19ff
  • Hans Huth: Die Kunstdenkmäler des Stadtkreises Mannheim, München, Berlin 1982, Bd. 2, S. 989
Autor/in
Monika Ryll
Letzte Änderung
Adresse
Am Oberen Luisenpark 5
68165 Mannheim
Geo
49.483977, 8.489167
Zufahrt

ÖPNV Buslinie 60 (Haltestelle Palais Lanz)

Öffnungszeiten

nicht zugänglich

Denkmalschutz
Ja
Barrierefrei
Nein