Ehem. Merkur-Kühlhaus und Bunker

Dass das massige Gebäude am Ende der Güterhallenstraße ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg ist, das leuchtet angesichts der fensterlosen Beton-Tristesse unmittelbar ein. Doch in den 1950er Jahren vermied man die Erinnerung daran. Der Bunker war inzwischen zu einem vorzeigbaren Kühlhaus umgebaut worden.


Werbung 1957

Unter dem Motto „Kampf dem Verderb durch KÜHL-Lagerung“ bewirbt 1957 die Merkur-Kühlhaus GmbH ihre Anlage in der Güterhallenstraße. Als „Südwest-Deutschlands neues modernes Kühlhaus“ verspricht es die „wirtschaftlichste Lagerung“. „Butter, Fette, Eier, Fleisch, Geflügel und sonstiges Kühlgut“ seien willkommen.

Abgebildet ist ein hohes kubisches Haus mit einem Kranz von Oberlichtern. Von der Gestalt her könnte man es für einen der vielen modernen Silobauten im Hafen halten. Es hat nur in den unteren drei Stockwerken jeweils vier schmale Fenster, dann folgen drei Stockwerke ohne Fenster bis zur obersten Etage, die mit ihren Fensterbändern lichtdurchflutet gewesen sein muss. Das Flachdach kragt einen Meter über, was elegant wirkt. An der Süd-Front läuft ein verglaster Aufzug – oder ist es vielleicht doch nur eine schick versteckte Feuerleiter? Ein Bau mit weit herausgezogenem Flachdach umschließt als Entree die gesamte Front.

So ähnlich wie auf der Werbung hat dieses Gebäude noch 2011 ausgesehen. Heute ist es total heruntergekommen, die Fenster und das oberste Stockwerk, das elegante Dach und der Aufzug sind entfernt, das Eingangsgebäude ebenso. Der Beton ist fleckig.

Nutzung (ursprünglich)

Luftschutzbunker, dann Kühlhaus

Nutzung (derzeit)

Leerstand und Verfall

Geschichte

Luftschutzbunker

Der Hochbunker wird 1941-43 in der Güterhallenstraße Nr. 27-31 auf dem Gelände der Reichsbahn errichtet. Er dient als öffentlicher Luftschutzraum und als Firmenbunker der nahegelegenen Speditionen Danzas, der Schifffahrtgesellschaft Fendel und der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft (DAPG). Die Pläne dazu erstellt das Städtische Hochbauamt im Jahr 1941. Sie zeigen einen Bunker, der etwa halb so hoch wie der heutige Bau ist. Die Finanzierung läuft über das „Führer-Sofortprogramm“, beim Bau der Bunker werden regelmäßig deportierte Zwangsarbeiter aus Osteuropa eingesetzt.

Nachnutzungen von Weltkriegbunkern

Ein Zitat aus „Unbequeme Kolosse – Hochbunker in Mannheim“ von Melanie Mertens zeigt, wie vielfältig die notgedrungene Weiternutzung der Weltkriegsbunker in Mannheim bis in der 1960er Jahre war:

Notnutzung nach Kriegsende
Die Besatzungsmacht beabsichtigte zunächst, sämtliche Bunker als Verteidigungsanlagen der Deutschen Wehrmacht zu vernichten, und erließ ein Nutzungsverbot. Wiederholte Eingaben der Stadt Mannheim, nur die militärisch relevanten Bunker zu beseitigen und die Zivilschutzbunker für Friedensnutzungen freizugeben, überzeugten die Amerikaner allmählich, ihr Abbruchvorhaben zu differenzieren. Gewicht hatte sicher auch der Hinweis, dass die geplanten Sprengungen weitreichende Schäden am Versorgungsnetz für Wasser, Gas und Strom verursachen würden.

Neben der Unterbringung von obdachlosen Mannheimern, Flüchtlingen, Arbeitern, Reisenden (Goetheplatz) und Gefangenen (Friedrichspark, Danziger Baumgang, Speckweg) dienten die Bunker verschiedensten Zwecken von Rot-Kreuz-Station (Luisenring), Möbellager (Q 6), Verkaufsraum (Feuerwache), Werkstätte (Steubenstraße, Malvenweg) und Hotel (Paradeplatz, Schloßplatz) über Pilzzucht (E 6) oder Kühlhaus (Neckarspitze) bis hin zum provisorischen Gottesdienstraum (Böcklinstraße).

Der wichtigste Aspekt war die Wohnungsnot, die durch die Einquartierung in Bunker gemildert werden konnte. Eine Aufstellung vom Januar 1947 wies etwa 44.000 nutzbare Plätze in 36 Bunkern aus. Der Bau neuer Wohnungen hinkte lange der rasch über die Vorkriegszahlen hinauswachsenden Einwohnerschaft hinterher. Noch 1953 lebten 2.000 Personen in Bunkern, 1959 waren es 587, darunter 154 Menschen, die seit fünf bis zehn Jahren dort hausten. Erst 1963 wurde der letzte Bunker verlassen.

Die vollständige Räumung der Bunker scheiterte lange auch daran, dass eine Bunkerzelle mit einem alten Luftschutzbett wesentlich billiger war als eine Wohnung ‚in Licht und Sonne‘, und man sie überdies für sich allein besaß.“

Entstehung des Merkur-Kühlhauses

1947 wird der Bunker durch die „Rheinbau – Rheinische Hoch- und Tiefbau AG“ aufwändig zu einem Kühlhaus umgebaut. Drei weitere fensterlose Stockwerke, das letzte mit einem umlaufenden Fensterband, werden aufgesetzt und ein neues Dach montiert. Die Angestellten sollten doch etwas Licht bekommen. Das Eingangsgebäude kommt hinzu und mutmaßlich ein Aufzug, der den Zugang zu den Stockwerken jeweils mit einem großen Tor an der Süd-Front erschließt.

Hier wird Butter in Holzfässern eingelagert, wie das Foto von 1957 belegt. Butter war damals ein ausgesprochen teures Speisefett und ging offenbar nicht so schnell weg, wie es die subventionierte Landwirtschaft produzierte. In den Kühllagern sammelt sich der in den 1970er Jahren legendäre „deutsche Butterberg“ an.

Im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften vom 12. 6. 1974 findet das Mannheimer Kühlhaus unter der Nummer 9 Erwähnung bei der Aufstellung der gefrorenen Hinterviertel von ausgewachsenen Rindern der Klasse „Ochsen A“ oder „Bullen A“. Es sind in Mannheim sieben Tonnen. Es geht dabei um die „VERORDNUNG (EWG) Nr. 1456/74 DER KOMMISSION vom 11. Juni 1974 über den Verkauf von bestimmtem Rindfleisch, das bei der deutschen Interventionsstelle eingelagert und für die Ausfuhr bestimmt ist, zu einem im Voraus pauschal festgesetzten Preis.“

Sonst hat das Kühlhaus nicht viele Spuren hinterlassen.

Bauzeit / Umbauten
1941
Quellen:
Autor*in
Barbara Ritter 04.2021
Letzte Änderung
Objektnummer
395
Adresse
Güterhallenstraße Nr. 27-31
68159 Mannheim
Geo
49.5054183, 8.4434378
Denkmalschutz
Ja
nur von außen zu betrachten