Ehemaliges Verlagsgebäude Waldkirch

Der wirtschaftliche Erfolg der Verlegerfamilie Waldkirch machte entsprechend großzügige Räumlichkeiten nicht nur möglich, sondern geradezu nötig. In der Amtsstraße 8 entstand 1911 das Geschäftshaus, das sowohl der Druckerei als auch dem Verlag Platz und angemessene Repräsentation bot. Auch der Pfälzer Waldverein hatte einige Zeit hier seine Geschäftsstelle. Das traufständige Gebäude ist  streng symmetrisch gegliedert: Im Erdgeschoss zentral der Eingangsbereich, rechtwinklig und gestuft an ein Portal erinnernd, dadurch die beiden ebenerdigen  Eingangstüren etwas zurückgesetzt; anschließend jeweils zwei Fensterachsen mit Rundbogenfenstern und ganz außen je eine Tordurchfahrt, ebenfalls mit Rundbogen. In den beiden Obergeschossen rechteckige Fenster, das zweigeschossige Mansarddach schließlich mit Gauben. Die Fassade aus gelben Sandsteinquadern verfügt über einen leicht vorspringenden Gebäudeteil der mittleren Fensterachsen (Mittelrisalit). Besonders das zweite Obergeschoss  mit breitem Balkon fällt durch Bauschmuck auf: kannelierte Pilaster (flache Wandpfeiler mit Längsrillen) zwischen den Fensterachsen und über dem Fenstersturz Felder mit Löwenmasken. Im Inneren beeindruckt das Treppenhaus mit schwarzer Marmortreppe, die frühere Schalterhalle bildet einen glasgedeckten Lichthof mit umlaufender Empore. Bei der Beseitigung der Kriegsschäden nach 1945 wurde das ursprüngliche Erscheinungsbild im Wesentlichen erhalten.

Nutzung (ursprünglich)

Geschäftshaus für Druckerei und Verlag

Nutzung (derzeit)

Geschäfts- / Wohnhaus

Geschichte

Die Anfänge

Der aus der Gegend um Freiburg stammende Julius Waldkirch (1840 – 1911) machte sich nach seiner Druckerlehre  auf Gesellenwanderung und fand 1865 in Ludwigshafen eine Anstellung (Baursche Druckerei, anschließend bei August Lauterborn). Die Heirat mit der Tochter des Brauereibesitzers Brehm aus Kirchheimbolanden brachte einen gewissen finanziellen Spielraum, der es ihm erlaubte, sich 1870 selbständig zu machen. In seiner eigenen Druckerei  mit Verlag  gab er das „Ludwigshafener Tageblatt“ und das „Oggersheimer Wochenblatt“ heraus, deren Erscheinen aber ebenso wie jenes des  folgenden „Rheinischen Telegraphen“ von kurzer Dauer war.

Auf Erfolgskurs

1875 wagte Waldkirch einen neuen Versuch mit dem „General-Anzeiger“, der ihm schließlich den Durchbruch brachte: mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt Ludwigshafen und dem damit verbundenen Anwachsen der Einwohnerzahl hielt der Erfolg des General-Anzeigers Schritt. 1899 kam als weiteres Verlagserzeugnis die „Pfälzische Rundschau“ hinzu, die sich zur auflagenstärksten Zeitung der Pfalz entwickelte. Die Waldkirch-Blätter verdrängten in ihrem Stammgebiet auswärtige Konkurrenz (etwa aus Mannheim und Frankfurt); im Zuge der Expansion wurde in der Amtsstraße ein neues Gebäude errichtet und 1912 bezogen. Zur damaligen Zeit hatte der Betrieb – seit 1897 als GmbH geführt unter Julius Waldkirchs Sohn Wilhelm (1870 – 1942) als Geschäftsführer – rund 100 Festangestellte sowie zusätzlich ein Netz von 80 Korrespondenten. Neben  den auflagenstarken Zeitungen erschienen auch viele Vereins- und Fachblätter im Waldkirch-Verlag.

Krisen

Der Erste Weltkrieg war für das Pressewesen allgemein eine kritische Phase (Rationierung des Zeitungspapiers, Einnahmeverluste infolge der Mangelwirtschaft und dem daraus resultierenden Anzeigenrückgang, außerdem militärische Zensur). Während der anschließenden Besatzungszeit in der Pfalz mündeten Konflikte mit den französischen Militärbehörden  wegen Zensurbestrebungen in einen dreiwöchigen Pressestreik. Die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre konnte der Waldkirch-Verlag noch vergleichsweise gut überstehen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sah man sich aber heftigen Angriffen und Repressionen ausgesetzt: an der liberalen Tradition seines Hauses festhaltend, kam es für Wilhelm Waldkirch nicht in Frage, sich der neuen politischen Führung anzubiedern. Als zuletzt einzig übrig gebliebenes Blatt aus der Weimarer Republik blieb der „General-Anzeiger“  trotz Gleichschaltung unbequem und den Machthabern ein Feindbild. Der Druckereisparte brachen mit den Zwangsschließungen anderer Verlage die Aufträge weg, 1938 wurden die Waldkirchs faktisch enteignet. In der Amtsstraße 8 machte sich 1940 die Parteipresse mit dem NSZ-Verlag breit, der „General-Anzeiger“ erschien zwar zunächst noch unter seinem alten Namen weiter, wurde am 18.4.1941 aber schließlich eingestellt.

Nach 1945

Nach Kriegsende konnte Karl Waldkirch (1902 – 1988) das Anwesen in der Amtsstraße als Treuhänder und Pächter übernehmen. Am 1.12.1949 erschien auch der „General-Anzeiger“ wieder, bestand  wirtschaftlich aber nicht gegen die neue Konkurrenz und wurde nach einem halben Jahr an die „Rheinpfalz“ übereignet.

Die Druckerei siedelte sich nach dem Krieg in Mannheim neu an, bald erweitert um eine Druckagentur. 1973 wurde auch das Verlagsgeschäft wieder aufgenommen, wobei man sich auf die Herausgabe von Büchern konzentriert, vorrangig mit regionalem Bezug; seit 2007 ergänzt eine eigene Verlagsbuchhandlung in Feudenheim das Unternehmen

Auftreten und Einfluss der Verleger

Über den Aufstieg zu pfälzischen Pressezaren im 19. Jahrhundert sollte man weitere bemerkenswerte Aspekte im Wirken der Verlegerfamilie nicht vergessen: Zum einen die Offenheit für technische Entwicklungen, denn die Waldkirchs setzten z.B. nicht nur die erste Rotationsmaschine in der Stadt ein (1886), sondern verfügten bereits 1896 auch über das mutmaßlich erste Automobil Ludwigshafens. Das soziale Engagement für die Belegschaft – zum Komplex der Amtsstraße gehörten auch Werkswohnungen – sollte für ein gutes Betriebsklima sorgen, und tatsächlich war die Firma nie von Streiks betroffen. Julius Waldkirch rief 1868/69 einen Arbeiterverein als Bildungseinrichtung ins Leben, ebenso wie den „Allgemeinen Krankenunterstützungs-Verein“. Dass er ebenso Gründungsmitglied und Vorsitzender des Gewerbevereins war, führte zu der eigenartigen Situation, in Interessensvertretungen sowohl auf Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite federführend zu sein. Bestens vernetzt konnte er politisch Einfluss geltend machen und gehörte mehrere Jahre dem Stadtrat an, wirtschaftlich war er ohnehin ein Schwergewicht und investierte beispielsweise als Mitbegründer in die Bürgerbräu Aktiengesellschaft (1890). Sein Sohn Wilhelm initiierte 1927 das Institut für Zeitungswesen an der Universität Heidelberg, welche ihm für seine Verdienste die Ehrendoktorwürde verlieh.

Erbauer
Fa. Julius Waldkirch
Architekt
Karl Wiener
Bauzeit / Umbauten
1911, Ausbesserungen nach 1945
Quellen:
  • Geschichte der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Ludwigshafen am Rhein, 2003
  • Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 8: Stadt Ludwigshafen am Rhein. Düsseldorf, 1990 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland)
  • Mörz, Stefan: Vom Westboten zur Rheinpfalz. Ludwigshafen am Rhein, 1994
  • Waldkirch, Julius: Die Meinungsmacher. Berlin, 2017
  • www.verlag-waldkirch.de/content288_270_Geschichte.html
Autor*in
Daniel Werner
Letzte Änderung
Objektnummer
402
Adresse
Amtsstraße 8
67059 Ludwigshafen am Rhein
Geo
49.48195363782, 8.4461847078211
Zufahrt

Haltestellen Kaiser-Wilhelm-Straße oder Pfalzbau

Denkmalschutz
Ja
Barrierefrei
Unbekannt