Luftschiffwerft Schütte-Lanz in Brühl

„Ketsch - Brühl - Antwerpen”, sagt man in Mannheim, wenn man nicht so genau weiß, wohin es geht.  Wer aber kennt die Entstehung dieses Spruchs? Ketsch - Brühl – „An den Werften”: das waren die Stationen der Großherzoglichen Badische Staatseisenbahnen, die der ausgedehnten Luftschiffsbauwerft von Schütte-Lanz in Brühl einen eigenen Haltepunkt eingerichtet hatte.

Noch heute gibt es die Straße „An den Werften“ im Gewerbegebiet von Brühl, an der die Überreste der 1909 gegründeten Firma „Luftschiffbau Schütte Lanz OHG” liegen. Gigantische Hallen, in denen von 1909 bis 1919 Luftschiffe für das deutsche Heer und die Marine gebaut wurden.

Drei Hallen unter Tenkmalschutz

Die erhaltenen Hallen

Es handelt sich um nebeneinander liegende, aus Ziegelmauerwerk errichtete Hallengebäude auf einer Grundfläche von jeweils 50 -18 Meter. Ein tonnengewölbtes Dach überspannt jedes Gebäude. In der mittleren Halle durchzieht ein spitzgiebeliges Oberlichtband das Dach. Die Außenwände sind durch abgestufte Lisenen und Gesimse gegliedert. Im Erdgeschoß sind großformatige Metall-Sprossenfenster, im Obergeschoß Holz-Sprossenfenster eingebaut.

Innen: beeindruckende Holz-Konstruktion

Im Innenraum fallen großformatige Binderkonstruktionen auf. Die Binder bestehen aus gebogenen Fachwerkträgern mit Brettnagelträgern als Ober- und Untergurt. Gekreuzte Streben verbinden diese miteinander. Auch in Längsrichtung ist die tonnenartige Deckenkonstruktion über Streben zum Untergurt abgestützt. Die Last der Binderkonstruktion wird über Auflagerkonsolen und Holzstützen getragen. Zusätzlich sind die Auflagerpunkte in Querrichtung durch Zugstangen oder Zugbänder miteinander verbunden.

Nutzung (ursprünglich)

Luftschiffwerft

Nutzung (derzeit)

Gewerbegebiet

Geschichte

Der Deutsche Luftflotten-Verein

Angefangen hat die Idee von der Luftschiff-Werft mit der Gründung des „Deutschen Luftflotten-Vereins“ 1908 in Mannheim mit dem militärischen Ziel der "Schaffung einer starken deutschen Luftflotte". Über die Gründungsmitglieder berichtet Michael Caroli im Stadtgeschichtlichen Blog des Marchivums: „Vorsitzender und treibende Kraft des Luftflotten-Vereins war der Mannheimer Industrielle Dr. Karl Lanz (1873-1921, Sohn von Heinrich und Julia Lanz), der überdies den Preis „Lanz-Preis der Lüfte“ in Höhe von 40.000 Reichsmark für technische Fortschritte auf dem Gebiet des Flugwesens ausgesetzt hatte. Unter den weiteren Vorstandsmitgliedern finden sich der nationalliberale Politiker Ernst Bassermann, der Bankier Dr. Richard Brosien (Rheinische Kreditbank), aber auch der Opernsänger Wilhelm Fenten.

Karl Lanz trat nicht nur als ideeller Förderer der Luftfahrt hervor. 1909 tat er sich mit Johann Schütte (1873-1940) zusammen, der in Danzig eine Professur für Theorie des Schiffbaus innehatte. an die Entwicklung eines neuartigen Luftschiffs mit stromlinienförmigem Körper, einem tragenden Gerippe aus Holz, einer (unstarren) Aufhängung der Gondeln und einem veränderten Lenkapparat. Auch die Anordnung der Propeller war anders als bei den Konstruktionen des Luftschiff-Pioniers Graf Zeppelin, der Schüttes Ideen – im Gegensatz zur Reichsregierung – keine Beachtung schenkte.“

1914 verlegte der Deutsche-Luftflotten-Verein seinen Sitz von Mannheim in die Reichshauptstadt Berlin. Eine Flut von militaristischen Postkarten des Vereins mit Motiven von „kämpfenden Luftschiffen“ im ersten Weltkrieg ist bis heute erhalten und im Web einsehbar.

„Luftschiffbau Schütte-Lanz OHG”

Nach Gründung der „Luftschiffbau Schütte-Lanz OHG” im Jahr 1909 wurde in den folgenden zwei Jahren deren erstes Luftschiff mit einer Länge von 131Meter und einem Durchmesser von 18,4 Meter entworfen und gebaut. Bei diesem Luftschiff ist das gesamte tragende Gerüst aus Sperrholz ausgeführt. Dies dürfte die erste ingenieurmäßige Anwendung von Sperrholz überhaupt gewesen sein. Das verleimte Sperrholzgerüst bewies auf 56 Probefahrten eine hohe Festigkeit und Elastizität. Die war ein erheblicher Unterschied zu den Luftschiffen des Grafen von Zeppelin, der bereits seit 1900 mit Aluminium-Konstruktionen experimentierte.

Insgesamt verlief der Bau der Werkshallen, Büros und Unterkünfte sowie des Prototyps des SL I (Schütte-Lanz I) jedoch unerwartet schwierig und langwierig, sodass weitere Investoren gewonnen werden mussten: Julia Lanz und August Röchling (Völkinger Hütte) steuerten weiteres Geld bei, sodass bis Ende 1911 1,7 Millionen Mark in den Bau des Luftschiffs "SL" flossen.

Zum ersten Mal stieg das Luftschiff am 17.Oktober 1911 über seiner Werft auf. Am 1. November 1911 überfliegt die erste „Schütte-Lanz” die Stadt Mannheim. Die „Fliegende Zigarre“ übte eine große Faszination auf die Öffentlichkeit aus. Auch davon existieren viele Postkarten und künstlerische Darstellungen. Das neue Mannheimer Volksblatt erinnert anlässlich der ersten Probefahrt daran, dass "unser Mannheimer Luftkreuzer" ..."als Kriegsfahrzeug in derster linie ins Auge gefasst ist."

Boom der Rüstungsindustrie im ersten Weltkrieg

„Nach einem Fernflug des Schütte-Lanz-Luftschiffs nach Berlin im Juli 1912 zeigte endlich auch das Militär Interesse, kaufte SL I und stellte weitere Bestellungen in Aussicht. Tatsächlich brachte der Erste Weltkrieg einen Boom, an dem das Mannheimer Unternehmen mit insgesamt 22 Luftschiffen für Heer und Marine beteiligt war. Trotz technischer Verbesserungen erfüllten sich die Erwartungen an die Kriegstauglichkeit der Luftschiffe nur bedingt. Aber bei der betroffenen Bevölkerung verbreitete die Bombardierung von Städten hinter der Front Angst und Schrecken. Während Bombenabwürfe von Schütte-Lanz-Luftschiffen auf Paris und London belegt sind, konnte der Angriff auf Warschau bislang nicht sicher datiert werden. Da die polnische Hauptstadt bereits Anfang August 1915 von den Deutschen besetzt wurde, müsste das Ereignis im ersten Kriegsjahr stattgefunden haben.“ (Caroli a.a.O.)

Mit Ausbruch des Weltkrieges 1914 wurde das Werk durch eine große Montagehalle in Eisenkonstruktion sowie sechs neue Werkstatthallen erweitert, insgesamt umfasste es 101 ha. Von Schütte-Lanz wurden bis 1919 zwanzig weitere Luftschiffe zunächst mit Sperrholzgerüsten gebaut. Ab 1917 nutzte man Aluminiumgerüste. Die letzten Luftschiffe hatten eine Länge von ca. 200 m, einen Durchmesser von ca. 23 m und einen Rauminhalt von 56.000 cbm hatten. Sie konnten vor allem Bomben-Lasten von etwa 50 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von 30 m pro Sekunde durch die Luft bewegen. Im 1. Weltkrieg war Schütte-Lanz neben Zeppelin der zweitgrößte Produzent von militärischen Groß-Luftschiffen des starren Typs. Über Bauzeit und Verbleib der Luftschiffe sowie deren militärischen Einsatz gibt es genaue Aufzeichnungen. (siehe: https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1264849). Neben den Luftschiffen baute das Unternehmen ca. 500 Militär-Flugzeuge im Werk Zeesen bei Königs Wusterhausen (Brandburg).

Neues Mannheimer Volksblatt

Neues Mannheimer Volksblatt aus Anlass der Probefahrt, (Quelle: Konstantin Groß: Die Sehnsucht nach dem eigenen Heim)

Nach dem Ersten Weltkrieg

Entsprechend der Versailler Verträge mussten die Luftschiffe zerstört oder an die Siegermächte abgeliefert werden. Alle Anlagen zur Herstellung mussten bis 1922 abgebrochen werden. Johann Schütte war zu diesem Zeitpunkt 49 Jahre alt. Ein ungünstiger Vergleich im Patentrechtsstreit mit der Fa. Zeppelin zwang ihn 1925 zum Konkurs. Erbittert versuchte er bis 1935, seine Luftschiffpatente zu verkaufen oder zu verwerten. Parallel blieb er bis 1938 Professor für Schiffbau an der TH Berlin-Charlottenburg und leitete zwei wissenschaftlich-technische Vereine im Bereich Luftfahrt und Schiffsbau.

Von den NS-Machthabern war er begeistert. Schütte war sehr nationalistisch gesinnt und hat sich schon 1931 offen zum Nationalsozialismus und der NSDAP bekannt. Seine Verstrickung in die NS-Diktatur wurde in seiner Geburtsstadt Oldenburg 2013 Thema einer wissenschaftlichen Untersuchung. https://mobil.nwzonline.de/r/NWZ_CMS/NWZ/2011-2013/Produktion/2013/10/2… S. 205-211.

Schütte-Lanz Holzwerke AG

Auf dem ehemaligen Werksgelände waren viele Hallen aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags abgebrochen worden. Vom Abbruch verschont blieben Werkstatthallen, die nun der neuen „Schütte-Lanz-Sperrholzfabrik AG“ dienten. Es lag nahe, die in der Herstellung von Sperrholz gesammelten Erfahrungen weiterhin zu verwerten. Und die Hallen boten ausreichend Platz für die großen Maschinen.

Im Jahre 1922 erfolgte die Umfirmierung der alten Luftschiffbaufirma in die „Schütte-Lanz Holzwerke AG”. Sie übernahm sämtliche verbliebenen Anlagen und das ca. 42 ha umfassende Gelände. Für die Herstellung von großflächigen Sperrholzplatten wurde aus Westafrika Okoume-Rundholz eingeführt. Sperrholz war schon während der deutschen Kolonialzeit überwiegend aus außereuropäischen Hölzern hergestellt worden.

Bis zum Sommer 1934 bestand eine ca. siebenköpfige Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten, in der sich Mitglieder unterschiedlicher Parteien zusammengeschlossen hatten. Sie wurden durch einen Unfall entdeckt und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Im zweiten Weltkrieg wird die Produktion der Sperrholzfabrik auf Spezialprodukte für Rüstungszwecke umgestellt: sog. „Flugzeugplatten“, und Propeller. Im März 1945 werden Lager- und Fabrikationshallen durch Bombenangriffe teilweise zerstört, was zur Einstellung der Produktion am 23. März führt. Im April wird die Produktion für amerikanische Militärverwaltung wieder aufgenommen. 1955 erfolgt die Umstellung auf die Herstellung von Feinspanplatten für die Bauindustrie, hochwertigen Platten für die Möbelindustrie, Modellbauindustrie und Segelfliegerei. Ab 1961 stellt man die wetterfesten Schütte-Lanz-Industrieplatte (SEMPER-Schalung) her.

Die letzte Werkstatthalle als Veranstaltungsort (Foto 2011 Ritter)

Man verarbeitete es vorzugsweise zu großformatigen Schaltafeln für den Betonbau, die vor allem ins europäische Ausland und nach Übersee exportiert wurden. Die Firma bestand – in unterschiedlicher Rechtsform (AG und GmbH) – und nach der Übernahme durch einen finnischen Holzkonzern als „Finnforest Schütte-Lanz GmbH“ bis ins Jahr 2007, als die Produktion der Verschalungstafeln nach Rumänien verlegt wurde.

Nach Aufgabe des Standorts übernahm kurz vor Jahresende 2007 eine Immobilien-Verwaltungs GmbH die nun leerstehenden Gebäude. Die Hallen an der Mannheimer Landstraße wurden daraufhin zum Teil als Geschäfts- und Lagerflächen umgenutzt und umgebaut. Sie sind zum Teil abgebrochen. Die verbliebenen Hallen stehen unter Denkmalschutz.

Eigentümer
FINNFOREST SCHUETTE-LANZ GMBH
Erbauer
Geh. Reg.- Rat Prof. Dr. Ing.h.c. Johann Schütte und Kommerzienrat Dr. Karl Lanz
Bauzeit / Umbauten
ab 1909
Quellen

Literatur zum Thema Luftschifffahrt:

  • Jürgen Bleiber, Schütte-Lanz, Im Schatten des Titanen, Friedrichshafen 2001
  • Dorothea Haaland, Der Luftschiffbau Schütte-Lanz, Mannheim-Rheinau (1909 - 1925) Südwestdeutsche Schriften (Bd. 4); Institut für Landeskunde u. Regionalforschung der Universität Mannheim, Mannheim 1987
  • Ludwig Friedrich, Hans Weihe, Schütte-Lanz. Vom Luftschiff zum Sperrholz. in: Verein für Heimat- und Brauchtumspflege Brühl/Rohrhof (Hg.): Brühl und Rohrhof. Das Heimatbuch. 850 Jahre Geschichte der Gemeinde Brühl. Brühl 2007
  • Johann Schütte (Hg.), Der Luftschiffbau Schütte-Lanz 1909-1925, München, Berlin 1926
  • Der Luftschiffbau Schütte-Lanz 1909 - 1925; Dr. Ing. e.h. Johann Schütte; Verlag von R. Oldenbourg München und Berlin 1926, herausg. von Johann Friedrich Jahn, Neudruck Oldenburg i.O., 1984
  • Helmut Vinzentz, Die Schütte-Lanz-Luftschiffe, o.O., 1997
  • Sebastian Wentzler, Die Schütte-Lanz Innovation: Technische Neuerungen des Zeppelin, Luftschiffbaus Schütte-Lanz in den Jahren 1909 - 14 im Vergleich zum Luftschiffbau Oldenburg 2000
Autor/in
Hilde Seibert / Dr. Volker Kronemayer / Barbara Ritter
Letzte Änderung
Objektnummer
138
Adresse
An den Werften
68782 Brühl
Geo
49.408942, 8.539038
Zufahrt

An den Werften, Mannheimer-Landstraße und Rennerswald
68782 Brühl

Denkmalschutz
Ja
Barrierefrei
Ja