Sauber: von Sunlicht zu Unilever

Der Sunlicht-Wasserturm

Sunlichtwasserturm

Mitten in einem Konglomerat von Anlagen, glänzenden Leitungen, hohen fensterlosen Hallen und Verwaltungsgebäuden steht ein kantiger Wasserturm aus ergrauten Ziegelsteinen. Er ist 30,20 Meter hoch, der nahezu quadratische Grundriss beträgt 5,65 x 5,27 m, der Turmkopf ist mit 6,45 x 6,45 Metern etwas ausladender. Der obere Teil des Schaftes und der Kopf weisen jeweils mittig Fenster auf, rechts und links gemauerte Andeutungen von Fenstern, sogenannte Blindfenster. Das Dach zwischen den vier Giebeldreiecken besteht aus schiefergedeckten Rautenflächen. Insgesamt wirkt der Wasserturm etwas klotzig. Tatsächlich erinnert er an übereinander getürmte Holzklötze mit einem Origami-Dach - einem kunstvoll gefalteten Dach.

Der Wasserturm ist vollständig aus gelben Ziegelsteinen gebaut, unten beträgt die Dicke der Mauer 75 cm, nach oben verringert sie sich auf 50 cm. Im Turmkopf steht ein geschweißter Flachbodenbehälter auf einem Rost aus Stahlträgern in 19,30 m Höhe. Er fasst 67,5 Kubikmeter.

Der Wasserturm diente nur zu Betriebszwecken und als Feuerlöschreserve. Noch heute ist er in Betrieb. Der Wasserturm gehörte ursprünglich zur Seifensiederei, die jedoch 1993 abgerissen wurde. Die untere Hälfte des Schafts ist deshalb z.T. verputzt, da hier die Siedereien angebaut waren. Seither steht der Turm verlassen inmitten der Anlagen der stetig sich verändernden Bauten der Fabrik.

""villa

Ehemalige Villa mit Brache
 

Direktorenvilla

Ein weiteres historisches Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, ist die alte Direktorenvilla. Das Backsteinhaus mit seinen vielen Gauben und der interessanten Dachgestaltung steht auf einer kleinen grünen Insel mitten im Werk. Es ist auch auf dem Stich von 1922 gut zu erkennen. Das Haus wurde später als Sanitätsstation genutzt, aktuell (2021) steht es leer. Rund herum ist eine Brache, die durch den Abriss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes entstanden ist.

Interessant ist, dass das Werk keine direkte Hafenanbindung hat, sondern durch eine Straße und ein weiteres Grundstück vom Hafen entfernt ist. Der Rheinauhafen wurde durch die private Hafenbaugesellschaft Rheinau GmbH ab 1896 ausgebaut. Zunächst wurde das Becken 21 angelegt, das dem Sunlicht-Werk am nächsten liegt; die anderen Becken kamen bis 1912 hinzu.

Nutzung (ursprünglich)

Seifen- und Waschmittelfabrik

Nutzung (derzeit)

Seifenfabrik

Geschichte

1899 gründet der Engländer William H. Lever mit einem Kapital von 8.000.000 Mark die Sunlight Seifenfabrik AG in Rheinau als seinen deutschen Standort auf dem Kontinent. Das Industriegebiet des Rheinhafens ist gut geeignet: „Der Rhein machte es leicht, die Rohware (z.B. Kokos- und Palmöl aus Asien) von Rotterdam flussauf zu bringen, die fertige Seife flussab ins bevölkerungsreiche Ruhrgebiet.“ (Jubiläumsschrift 1999). Als Architekten wählt Lever das Architektenteam von Philip Jemoli und Carl Blatt (sie bauten auch die Kauffmannmühle, das Leihamt und die Jutefabrik).

In acht Jahren größter Seifenhersteller des Kontinents

Werbung1922

Der Sunlicht-Seifen-Mann beglückt das ganze koloniale Erdenrund

1903 wird unter dem Generaldirektor H.O. Beck das englische "Sunlight" in "Sunlicht" umgewandelt (die Mannheimer*innen hatten es vermutlich eh schon so ausgesprochen). Die Produkte werden mit einem bisher nicht gekannten Reklameaufwand unter die Konsument*innen gebracht. (Reklamemarken, Plakate, Wandgemälde, hauseigener Verlag für Haushaltsratgeber und Trivialromane).
1905 verdoppelt Sunlicht seine Kapazität.
1907 ist das Werk nach Erweiterung auf 24 Siedepfannen größter Seifenhersteller des Kontinents. Aus Anlass der Mannheimer 300 Jahr-Feier errichtet Sunlicht eine Fabrikationsanlage im Ausstellungspark und lädt zu einem Großabnehmerkongress ein. Der Export geht inzwischen in „alle Welt“.
1911 wird erstmals das "Vim"-Scheuerpulver hergestellt, ein Jahr später die "Lux Seifenflocken" als erstes Sunlicht-Waschmittel.
1913 wird für Wäschereien und Krankenhäuser das Waschmittel Nurpur aus hochgetrockneten Seifenspänen hergestellt.

Interesse an kolonialen Rohstoffen

Im Geschäftsbericht von 1914 sind die Aufsichtsräte aufgelistet. Sie eint neben der Profitrate das Interesse an kolonialen Rohstoffen.

  • Bruno Weil, Direktor der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft AG (später Deutsche Bank)
  • Ludwig und Karl Stollwerk aus Köln (Giganten unter den Schokoladefabrikanten)
  • Fritz Henkel aus Düsseldorf (Gründer des Henkel-Konzerns)
  • Emil Engelhard Präsident der Handelskammer Ma
  • Richard Lenel Geschäftsführe der Fabrik wasserdichter Wäsche Lenel, Bensinger u. Co. in Mannheim
  • Eduard Ladenburg (Neffe von Carl Ladenburg, im Aufsichtsrat zahlreicher Firmen)
  • Richard Sachsee, Direktor des Vereins deutscher Oelfabriken Ma (gehört heute zum amerikanischen Bunge-Konzern)
  • Emil Seib Rechtsanwalt Mannheim

Fusionen zum größten Hersteller von Verbrauchsgütern

In den folgenden Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Fusionen großer internationaler Unternehmen unter Beteiligung der Lever-Brothers. (vergl. Wikipedia) Unilever steht hinter Markenartikeln aus dem Bereich Nahrungsmittel, wie etwa Knorr, Langnese, Lipton und Rama, (siehe Margarine-Union, Estol  /objekte/ehem-margarinefabrik-estol ) sowie für Reinigungsmittel und Produkte der Körperpflege wie „Dove“.

2000 wurde die Produktion von „Kernseife“ der Marke Sunlicht als Universalwaschmittel durch Unilever eingestellt. Wie breit die Produktpalette der Unilever Deutschland Produktions GmbH & Co OHG ist zeigen allein die drei Werke der Region:

  • Heilbronn: (Knorr) Suppen, Soßen, Soßenbinder, Salatdressings, Basisprodukte, Shakerflaschen, Export in über 40 Länder
  • Heppenheim: (Langnese) Eis
  • Mannheim: (Sunlight) Dove Produkte (Seifenstück) 250 Beschäftigte, jährlich über 40 Tausend Tonnen, das sind ca. 800 Millionen Stück "Dove"-Seife laut "Chemieproduktion-online" (nach RNZ vom 5.5.2020). 

Von hier geht das Seifenstück „in die ganze Welt“, in über 50 Länder in Europa und Übersee, wie es auf der Webseite der Stadt Mannheim unter Mannheim-Wirtschaft-entwickeln stolz vermerkt wird.

Außerdem ist in Mannheim-Rheinau seit 1999 das deutsche Distributionszentrum angesiedelt. Das Hochregallager verfügt über ca. 36.000 Palettenstellplätze. Das Logistikzentrum unterliegt aufgrund einiger Produkte der Störfallverordnung. Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: der Wasserturm als historische Löschwasserreserve.

Eigentümer
Unilever
Erbauer
Sunlight
Architekt
Jemoli und Blatt
Bauzeit / Umbauten
1899 und 1907 bis in die Gegenwart
Autor*in
Barbara Ritter
Letzte Änderung
Objektnummer
401
Adresse
Rhenaniastraße 76-102
68219 Mannheim
Geo
49.4430294, 8.5094177
Kontakt

Unilever Deutschland Produktions GmbH & Co OHG Werk Mannheim, Rhenaniastraße 76-102 68219 Mannheim Tel.: +49 621 / 8049-0