Villa des Industriellen Carl Haas

Inmitten der Mannheimer Oststadt steht eine mit Efeu berankte Villa, die mit ihrem ruinösen Charme aus einem verwunschenen Dornröschenmärchen stammen könnte. Die Zeit scheint still zu stehen. Unwillkürlich denkt man stilistisch an eine künstliche Ruine, wie sie im 19. Jahrhundert inmitten romantischer Parkanlagen Mode war. Jedoch handelt es sich bei dem Gebäude um die auch nach über 75 Jahren noch sichtbaren Wunden einer erlittenen Kriegszerstörung.

Ursprünglich teilte sich die Villa in einen Wohntrakt und einen Wirtschaftstrakt, der sich Richtung Garten im spitzen Winkel anschloss. Der Wirtschaftstrakt gehört wie das neobarocke Mansarddach und der Aufsatz des Turmes zu den Kriegsverlusten. Das zweigeschossige Gebäude, dessen Mauerflächen verputzt und dessen Architekturglieder aus hellem Sandstein sind, wurde im neobarocken Stil errichtet. Die Ecken sind durch abgerundete Lisenen hervorgehoben und zeigen unterhalb des Kranzgesimes je eine Volute. Die reiche Fensterumrandung aus Sandstein variiert je nach Himmelsrichtung und Stockwerk. Sämtliche Fassaden wurden bildhauerisch großzügig bearbeitet. Das repräsentative Eingangsportal an der Westseite ist durch Wandvorlagen und Balkon mit dem Fenster darüber optisch verbunden und erhält dadurch eine architektonische Dominanz. Die Eingangstür aus Metall ist eine schöne Kunstschmiedearbeit im Jugendstil. Leider finden sich im Innern infolge des Wiederaufbaus keine nennenwerten bauzeitlichen Hinweise mehr.

Die Villa Haas ist mit ihrer reichhaltigen Architekturgliederung und Ornamentik trotz erheblicher Zerstörung dennoch ein wichtiges Zeugnis für die großbürgerliche Villenarchitektur um 1900. Es bleibt zu hoffen, dass die durch den Verwaltungsgerichtshof Mannheim im Jahre 1998 sanktionierte Abbruchgenehmigung auch zukünftig nicht umgesetzt wird.

Nutzung (ursprünglich)

Wohnhaus

Nutzung (derzeit)

Wohnhaus

Geschichte

Der Bauherr der Villa, der Mannheimer Kaufmann Carl Haas (1844-1921), war neben Dr. Carl Clemm (1836-1899) Gründer der Zellstofffabrik Waldhof. Die Vereinbarung zur Gründung am 11. Juni 1884 unterzeichneten neben den Genannten außerdem noch Edmund Hofmann (Brauereidirektor der Firma Eichbaum), August Stark und Ernst Laemmert. Den größten Anteil zur Etablierung einer Aktiengesellschaft  - ca. 80 % - finanzierten jedoch Carl Haas und Carl Clemm.

Carl Haas hatte hierzu nördlich von Mannheim am Altrhein bereits Anfang 1884 ein ca. 150 000 qm großes Grundstück erworben und damit große Weitsicht bewiesen. Die Nähe zum Fluss ermöglichte günstige Transportmöglichkeiten für Holz und Kohle, aber auch für den Versand der fertigen Produkte. Die Chemikalien konnten von der örtlichen Industrie bezogen werden und das neue Gelände hatte für die Produktion reines Grundwasser in ausreichender Menge zur Verfügung. Aus unmittelbarer Umgebung konnten auch die benötigten Arbeiter rekrutiert werden, für die eine eigene Werkssiedlung errichtet wurde (siehe hierzu https://www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/zellstoffsiedlung-i…). Die Fabrik produzierte in industriellem Maßstab gebleichten und ungebleichten Zellstoff, also Sulfitzellulose, für die Papierherstellung. 1907 wurde durch die Söhne der in unmittelbarer Nähe liegenden Zellstofffabrik die Papyrus-AG zur Herstellung von Spezialpapieren wie Pergamyn oder Pergamentersatz gegründet und damit die Verbindung von Produktion und Weiterverarbeitung geschaffen. Dennoch arbeitete die Papyrus-AG zunächst selbständig, wurde 1918 von der Zellstofffabrik gepachtet und erst 1931 übernommen.

Carl Haas, Sohn eines Mannheimer Kolonialwarenhändlers, heiratete im Jahre 1886 Anna Forschner (1846-1914), Tochter des Mannheimer Brauereibesitzers Heinrich Forschner, der die Brauerei "Zum Eichbaum" betrieb (siehe hierzu https://www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/eichbaum-stammhaus). Sie bekamen vier Kinder. Kurz nach dem tödlichen Reitunfall des ältesten Sohnes Rudolf (1869-1905) beauftragte Carl Haas den Mannheimer Architekten Rudolf Tillessen (1858-1926) im Jahre 1906 mit dem Bau der Villa Carolastraße 12 (heute Erzbergerstraße 12). Das ca. 8560 qm große Grundstück zog sich von der Carolastraße bis zur Maximilianstraße, wo das Remisen- und Kutschergebäude lag. Heute ist das Grundstück in zwei Flurstücke eigentumsmäßig unterteilt. Das Remisen- und Kutschergebäude (Maximilianstraße 3) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu Wohnen umgenutzt und gehört nicht mehr zum ursprünglichen Ensemble. Für die jung verwitwete Schwiegertochter Hedwig, geb. Thorbecke (1879-1973) ließ Carl Haas in unmittelbarer Nähe auf dem Grundstück Maximilianstraße 5 von Rudolf Tillessen eine weitere Villa errichten. Diese wurde nach mehreren Bombenschäden völlig verändert wiederaufgebaut. Nur noch wenige Details erinnern an die einstige Pracht.

Carl Haas war Mitbegründer der Eichbaumbrauerei, der Papyrusgesellschaft, der Süddeutschen Jutegesellschaft sowie der Sunlichtgesellschaft. Er gehörte neben Carl Clemm zu den wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten Mannheims. Sein industrielles Wirken reichte weit über die Quadratestadt hinaus. Nach seinem Tode führte sein Enkelsohn Dr. Rudolf Haas (1901-1987) den Konzern mit zeitweise 29 Werken in die Nachkriegszeit.

Eigentümer
Privateigentum
Erbauer
Carl Haas
Architekt
Rudolf Tillessen
Bauzeit / Umbauten
1906-1908; Wiederaufbau nach 1945
Quellen:
  • Rudolf Haas: Haas, Carl, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 377
  • Josef Wysocki: Spuren. 100 Jahre Waldhof - 100 Jahre Wirtschaftsgeschichte, hrsg. von der PWA Waldhof 1984
  • Die Friedhöfe in Mannheim, Mannheim 1992, S. 63
  • Spuren 2. Mit SCA an die Spitze: 125 Jahre Standort Mannheim, hrsg. von der SCA Hygiene Products GmbH 2009
  • Stadt Mannheim, Denkmalakte (mit Gutachten von Martina Krechtler 1997)
  • Ferdinand Werner: Mannheimer Villen, Worms 2009, S. 249-251
  • Marchivum, ZGS S 1/2058 (Carl Haas)
  • www.albert-gieseler.de
Autor*in
Monika Ryll
Letzte Änderung
Objektnummer
385
Adresse
Erzbergerstraße 12
68165 Mannheim
Geo
49.48412, 8.48403
Kontakt

öffentlich nicht zugänglich

Zufahrt

ÖPNV Bus Linie 60, Haltestelle "Maximilianstraße" oder "Oststadt Lanzvilla"

Öffnungszeiten

öffentlich nicht zugänglich

Denkmalschutz
Ja
Barrierefrei
Nein