Villa des Zimmermanns - heute Metallrecycling

Der Kontrast könnte größer kaum sein: ein solitär stehendes Fachwerkgebäude mit üppigen Sandsteinverzierungen in Stil mittelalterlicher Burgenromantik und direkt daneben ein Metallschrottlager, eingefasst und überdacht von hohen Metallwänden. Von nahem betrachtet ist das 1901 errichtete Gebäude schon ziemlich marode. Das denkmalgeschützte Haus wird heute für die Verwaltung des Recyclingunternehmens Weiß und Kämpf und als Wohnhaus für Arbeiter genutzt.

Im Inneren führt ein hölzernes Treppenhaus in den ersten Stock. Die Räume, heute als Büros genutzt, haben noch Stuckdecken, die Türrahmen haben dezenten Jugendstilschmuck. Vom ursprünglichen Besitzer und Erbauer, der Zimmerei Dostmann, ist an diesem Standort nichts mehr erhalten. Ein Urenkel betreibt heute ein Gerüstbauunternehmen am anderen Ende der Industriestraße.

Nutzung (ursprünglich)

Wohn- und Geschäftshaus einer Zimmerei

Nutzung (derzeit)

Wohn- und Geschäftshaus eines Metallrecyclingbetriebs

Geschichte

Schon vor langer Zeit, um 1645 ist zum ersten Mal ein Zimmermann Dostmann im Kreis Wertheim nachzuweisen. Aus Wertheim zugezogen, hat Peter Dostmann 1862 in Mannheim seine Zimmerei gegründet. 1890 ist sein Betrieb in Z 5,8 gemeldet (es gab damals eine andere Nummerierung in der Innenstadt als heute).

Mit dem Ausbau des Industriehafens erwirbt Dostmann dort Gelände und baut sein „Musterhaus“. Hinter dem 1901 errichteten Haus erstrecken sich damals auf 3.000 qm die Stall- und Werkstattgebäude mit Bandsägen, Abricht-, Hobel- und Fräßmaschinen für über 60 Beschäftigte, außerdem Schuppen zur Trockenlagerung der Hölzer. Die Betriebskraft liefert das Elektrizitätswerk am Anfang der Industriestraße.

Dostmann-Unternehmungen rund um den Industriehafen

Peter Dostmann entwickelt am Industriehafen rege Bau- und Investitionstätigkeit. Dostmann gehört 1907 auch das unbebaute Gelände der Industriestraße 51, das er 1910 an die Firma „Kissel und Wolf - technische Drogen und Leime“ verkauft.

Nach dem ersten Weltkrieg errichtet Dostmann in der Friesenheimer Straße 26/Ecke Diffenéstraße eine Holzwollefabrik – mit einem geschwungenen Walmdach. Doch die beiden Standorte - Industriestraße 60 und Friesenheimerstr. 26 - haben etwa ab 1930 als Besitzer die Stadtsparkasse Mannheim, die Dostmannbetriebe sind dort nicht mehr ansässig. Dies deutet darauf hin, dass die Weltwirtschaftskrise möglicherweise auch die Zimmerei Dostmann getroffen hat. Die Friesenheimer Straße 26 wird Anfang der 1930er Jahre bis in die 70er Jahre von der Lack und Farbenfabrik Rudolf Schappert genutzt.

In den 1920er Jahren bauen die Söhne Dostmanns, darunter der Baumeister Willy Dostmann eine Niederlassung für ihr Holzbaugeschäft mit Lager in der Friesenheimer Straße 21. Auch hier entsteht ein Fachwerkhäuschen. In den 1950er Jahren konzentriert sich die Familie Dostmann auf Hallenbauten, Spezialanfertigungen für die chemische Industrie und betreibt eine Kistenfabrik. Der Standort Friesenheimer Straße 21 wird 1973 an Fuchs Petrolub verkauft. Das kleine Haus stand bis 2014 als Pförtner- und Verwaltungsgebäude.

Die heutige Generation hat sich mit Frank Dostmann auf Gerüstbau verlegt, als Spezialist für Kirchtürme, Hochhäuser und Industriegerüstbau, ansässig jetzt in der Industriestraße 2.

Häufig wechselnde Mieter und Straßennamen

In die schöne Fachwerkvilla der Industriestraße 60 ist ab den 1930er Jahren vorübergehend ein Hoch- und Tiefbauunternehmen (Georg Grab) angesiedelt, dann nutzen die Süddeutschen Kabelwerke und Verkehrsbetriebe sowie das städtische Hochbauamt das Gebäude bzw. Gelände.

Ab 1982 ist die Industriestr. 60 im Besitz der Dt. Bundesbahn, genutzt wird sie von Herbert Weiß, Schrott und Metallhandel. Weiß stirbt in den 1990er Jahren und der Betrieb wird an die Stuttgarter Metallhandlung Eberhard Mayer und Kämpf verkauft.

Die heutige Industriestraße Nr. 60 hatte in ihrer Geschichte nicht nur viele Nutzer, sondern auch recht unterschiedliche Straßenbezeichnungen, was die Recherche zu einem wahren Puzzlespiel werden ließ: Waldhofstr. 196, Walhofstr. 250, Kabelstr. 2, Luzenbergstr. 1 b-d und Industriestr. 54.

Erbauer
Peter Dostmann
Bauzeit / Umbauten
1901
Quellen
  • Städtebuch Mannheim 1957
  • Zizler, Neues Bauen in Mannheim 1927
  • Adressbücher der Stadt Mannheim, diverse Jahrgänge
  • Führer durch die Industrie- und Hafenanlagen Mannheims. 1909
Autor/in
Barbara Ritter
Objektnummer
228
Adresse
Industriestraße 60
68169 Mannheim
Geo
49.515374, 8.472773
Kontakt

Hebert Weiss & Kempf,  Metallhandlung

Industriestr. 60

68169 Mannheim

Tel. 0621 317007

 

 

Gerüstbau Dostmann GmbH
Industriestraße 2
68169 Mannheim
Tel 0621 313093   Fax 0621 316399
E-Mail: mail@dostmann-gmbh.de
Internet: www.dostmann-gmbh.de

Zufahrt

Nächste Haltestellen:

Bus an der Diffenébrücke

Straßenbahnen vor dem Wasserturm Luzenberg, Haltestelle Luzenberg

Achtung Fußgänger und Autofahrer! Die Straße vor dem Gebäude ist viel befahren und wegen der kreuzenden Bahn gefährlich!

THE CARPENTER’S CATALOGUE

THE HALF-TIMBERED VILLA

In 1901 the carpenter Peter Dostmann built his residential and administration building. He intended it to be a "catalogue" of his craftsmanship. The result was a stately mansion in the middle of the industrial area, complete with decorative trusses, curved gables, turrets and bay windows. The carpentry, joinery and glazing workshops, founded in Mannheim in 1862, had 60 employees. They worked with planing and milling machines as well as with electrically powered band and circular saws. The whole workshop, including the buildings and the sheds for the dry storage of wood, covered an area of 3,000 square metres.

In 1909, when the photo was taken, the half-timbered house already stood out.  In the area behind Dostmann, the Süddeutsche Kabelwerke (cable works) and the Strebelwerk  (heating systems) can be seen.

The staircase as an example of solid and tasteful carpentry, found in the office building, is still well-preserved.

After the First World War, Dostmann built a Holzwollefabrik (wood-wool factory) in the Friesenheimer Straße 26 . He sold it a few years later. Since then, the house has had many different uses.

His sons, one of whom was the architect Willy Dostmann, opened an office and a warehouse for their timber business in the Friesenheimer Straße 21. 
Advertising in 1922 shows the property Friesenheimer Road 16 . This building now stands on the site of Fuchs-Petrolub. For a long time (until 2014)  a Dostmann-type half-timbered house stood here too.

In the 1950s, the carpenters mainly built factory sheds and made boxes. Today's generation, Frank Dostmann, manufactures scaffolding. He specialises in scaffolding for church towers, high-rise buildings and industrial scaffolding. The company is now resident in the Industriestraße 2.

Since the early 1930s, this lovely half-timbered house has had several other users. Since the 1980s, metal has been recycled and sold here. It is now an officially protected building,

Denkmalschutz
Ja
Barrierefrei
Nein