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„Unbequeme” Gebäude beim Tag des offenen Denkmals

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„Unbequeme Denkmale?”  ist das Motto des Tages des offenen Denkmals, bei dem am morgigen Sonntag 7500 Gebäude in ganz Deutschland geöffnet werden – rund 160 in der Region. In Rheinland-Pfalz gibt es eine Auftaktveranstaltung in der ehemaligen Kaserne Turenne in Neustadt, in Mannheim um 11 Uhr im Ochsenpferch-Bunker (Bürgermeister- Fuchs-Str. 1), wo Uscha Rudek-Werlé Installationen zum Holocaust zeigt. Zugänglich wird auch die Genossenschaftliche Burg auf der Friesenheimer Insel gemacht (Bild) – eines der bedeutendsten Beispiele moderner Industriearchitektur in der Region. Hier bietet der Verein Rhein-Neckar-Industriekultur um 12, 14 und 16 Uhr Führungen an, zudem öffnen Georg Jiri Platzer und Konstantin Kozo von 12 bis 17 Uhr ihre Ateliers.

GEG - Die genossenschaftliche Burg Foto: Lutz Walzel

BILD: Lutz Walzel

Von Bunkern und Mühlen

Mannheimer Morgen - MORGENmagazin

Zum Thema „Unbequeme Denkmale“ hat die Industriestadt einiges vorzuweisen

MANNHEIM. Meistens sind es die architektonisch-schönen Baudenkmäler, die vielen Städten als Wahrzeichen dienen. Doch kommt es oft genug vor, dass vor allem die vermeintlich hässlichen Bauwerke ein Stadtbild nachhaltig prägen. Unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?” stellt der diesjährige Tag des offenen Denkmals am 8. September die Frage des Denkmalschutzes in den Vordergrund. Was ist Wert, erhalten zu werden und weshalb? Was macht Denkmale unbequem, wann und für wen?

Rund 8000 Denkmäler werden dafür bundesweit geöffnet, die für den Rest des Jahres nicht oder nur teilweise zugänglich sind. Im Rhein-Neckar-Raum gibt es an die 170 Denkmäler zu besichtigen, in Mannheim sind es 21 Veranstaltungen und Bauwerke, die zu Führungen und anderen Aktionen einladen. Die zentrale Auftaktveranstaltung für die Stadt Mannheim, bei der auch Bürgermeister Lothar Quast spricht, beginnt um 11 Uhr im Bunker Ochsenpferch in der Neckarstadt.

Eine Hauptattraktion in diesem Jahr dürfte wohl die „Genossenschaftliche Burg” im Industriehafen werden. Das Mühlensilo und die dazugehörige Schiffs-Entlade-Anlage auf der Friesenheimer Insel galten noch bis in die Nachkriegszeit als „schönster und modernster Mühlenbetrieb Südwestdeutschlands”. Mitglieder des Vereins Rhein-Neckar-Industriekultur führen um 12, 14 und 16 Uhr über das Gelände.

Ungewöhnliche Einblicke

Ebenfalls empfehlenswert ist die Drei-Brücken-Tour durch den Handelshafen. Interessierte können einen Rundgang entlang des Verbindungskanals von der Teufelsbrücke über die Spatzenbrücke bis zur Mühlaubrücke unternehmen und so etwas über die verschiedenen Brückenbautechniken und die Entwicklung des Mannheimer Handelshafens erfahren. Auch eine andere einzigartige Gelegenheit sollte man nicht verpassen. Ausschließlich für den Denkmaltag wird der Fremdeinstieg in die Kanalisation geöffnet. Gemeinsam mit Angestellten der Stadtentwässerung kann man einen seltenen Einblick in das städtische Abwasserkanalsystem erhalten.

Eine weitere Möglichkeit, sonst schwer Zugängliches zu sehen, bietet die Teilnahme ab 10.30 Uhr an einer geführten Radtour zu Hochbunkern in Käfertal und Gartenstadt (Voranmeldung unter 0721/ 9 26  48  59). Zudem kann die alte Kläranlage auf der Friesenheimer Insel besichtigt werden, die dem Bildhauer Rüdiger Krenkel als Atelier dient.

Johannes Berning © Mannheimer Morgen, Donnerstag, 05.09.2013

Im Fokus der Moderne

Mannheimer Morgen
Titelfoto der Broschüre

Visionen und verpasste Chancen – Denkmalpflegern Monika Ryll schreibt ein Buch über das Bauhaus in Mannheim

Man könnte diese Geschichte auch anders herum erzählen. Der traurige Schluss käme dann gleich am Anfang und er würde so lauten: Fast wäre Mannheim europaweit bekannt geworden. Als Zentrum für Design und Architektur. Wenn man das Bauhaus nicht gleich zweimal abgelehnt hätte: 1925 und dann noch einmal 1951 (in Form einer Nachfolgeinstitution) hatte es Versuche gegeben, die einflussreichste Schule für Gestaltung des 20. Jahrhunderts nach Mannheim zu holen.

Doch Monika Ryll hat sich für eine Spurensuche in chronologischer Reihenfolge entschieden: In einem Buch, das der überaus engagierte Verein Rhein-Neckar-Industriekultur herausbringt, zeigt die Mannheimer Denkmalpflegerin prägnant auf, wie die Moderne doch noch ihren Weg in die Stadt fand. Welche Architekten und Stadtplaner sich für den schlichten, ästhetisch anspruchsvollen Stil begeisterten. Und was heute noch davon sichtbar ist – nach einem Weltkrieg und dem Abrisswahn der Nachkriegszeit.

1919 in Weimar gegründet

„Das Bauhaus erstrebt die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit“ hatte Walter Gropius 1919 geschrieben, als er die Freie Kunstschule mit der Kunstgewerbeschule in Weimar zusammenlegte und das Staatliche Bauhaus gründete. In Anlehnung an mittelalterliche Bauhütten sollten verschiedene Disziplinen der Gestaltung unterrichtet und Gegenstände oder Gebäude entwickelt werden, deren Form aus ihrer Funktion, Konstruktion oder Materialität heraus entstand.

All das registrierte man in Mannheim durchaus. Wie avantgardistisch allein die Kunsthalle zu der Zeit war, belegt ihr Programm: 1912 und 1914 zeigte ihr Direktor Fritz Wichert Ausstellungen wie „Moderne Architektur“ und „Das neue Bauen“. 1925 folgten „Typen neuer Baukunst“ von Gustav Friedrich Hartlaub, der auch Gropius zu einem Vortrag einlud und im selben Jahr mit dem Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy über einen Umzug nach Mannheim verhandelte. 1930 wurde eine Bauhaus-Ausstellung gezeigt – doch der politische Wille, die Institution wirklich zu unterstützen, fehlte in der Stadt, wie Ryll richtig schreibt.

Bedeutende Industriegebäude wie die Genossenschaftliche Burg auf der Friesenheimer Insel, deren Formensprache sich auch an den Grundideen des Bauhauses orientiert, bleiben leider unerwähnt. Dafür holt Ryll heute fast vergessene Protagonisten hervor, deren Ideen oder Bauten nach wie vor das Stadtbild prägen: Sie erinnert an den Theoretiker Werner Hegemann, der aus Mannheim stammte. Oder an den Leiter des Hochbauamtes Josef Zizler, unter dessen Leitung knapp 40 Gebäude im Zeitgeist der Moderne entstanden – Wohnungen, Schulen, Geschäfte. Eines davon ist das Fröbel-Seminar auf dem Lindenhof, eine beispielhafte Einheit von Form und Funktion – die stark an das Haus Am Horn erinnert, das Georg Muche 1923 in Weimar entwarf.

Klare Linien und viel Licht, Flachdächer, Dachterrassen – diese und weitere Merkmale zeigt Ryll an verschiedenen Gebäuden auf, begleitet von historischen und aktuellen Fotos, Zeichnungen und Plänen: Sie verweist auf das AOK-Gebäude oder auf die Mütterberatungsstelle auf dem Waldhof, die in Kubatur und Grundform dem Kornhaus in Dessau verblüffend gleicht. Sie erinnert an Bauhäusler, die ihre Spuren in Mannheim hinterließen: An Gerhard Marcks’ „Friedensengel“ in E 6 oder an den Produktdesigner Herbert Hirche, der Mies van der Rohe Anfang der 50er für ein neues Nationaltheater ins Spiel brachte (das Modell dazu wird gerade in der Kunsthalle ausgestellt) – den Mannheimern jedoch war sein Entwurf zu „modern“. Dafür kam schließlich Gerhard Weber zum Zug – auch er hatte am Bauhaus studiert.

Das stellenweise etwas nüchtern geschriebene Buch gibt auch einen Eindruck von Kriegszerstörungen und dem gefühllosen Umgang mit alter Bausubstanz: Alte Fotos erinnern an die Rhein-Neckar-Hallen in der Oststadt, die zerbombt wurden, sie zeigen den Urzustand der heute verbauten Straßenbahnwartehalle am Tattersall oder des Evangelischen Gemeindehauses in Neckarau. Viele Spuren führen zu jüdischen Familien, die sich für die historisch unbelastete Bauweise des Bauhauses begeisterten und progressive Architekten engagierten: der Ludwigshafener Kaufmann Wilhelm Rothschild etwa, dem Ernst Plattner in der Oststadt eine Villa baute. Oder das Pauline-Maier-Haus in der heutigen Bassermannstraße, das der Frankfurter Fritz Nathan 1930 als jüdisches Altersheim errichtete – es wurde erst 2010 abgerissen.

Von unseren Redaktionsmitglied Annika Wind © Mannheimer Morgen, Mittwoch, 24.07.2013


Nicht mehr erhältlich, vergriffen

Auf industriegeschichtlicher Spurensuche

Stadtanzeiger Mosbach

Stadtanzeiger_Mosbach_2013-07-12_590.jpg

„Ich geh' dann mal zum Konsum”

Mannheimer Morgen

„Hinein in den Konsumverein": Sonderausstellung des Vereins Rhein-Neckar-Industriekultur im Rahmen von „Durch Nacht zum Licht?”

SWR2

Konsumverein - Ausstellung im Technoseum Mannheim

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Leonie Berger im Gespräch mit Barbara Ritter über Geschichte und Gegenwart der Genossenschaften

Viele kauften im „Konsum”

Mannheimer Morgen

Ausstellung im Rahmen der Sonderschau zur Geschichte der Arbeiterbewegung

Einkaufen beim „Konsum“ – das war für Generationen selbstverständ­lich. Der Verein „Rhein-Neckar-In­dustriekultur“ (RNIK) präsentiert vom 25. April bis zum 9. Juni im Technoseum zahlreiche Sammler­stücke, um die Geschichte dieses al­ternativen Wirtschaftssystems le­bendig werden zu lassen. Die Aus­stellung „Hinein in den Konsumver­ein!“ zeichnet die Geschichte der Mannheimer Konsumgenossen­schaft von 1900 bis in die 1980er Jah­re nach. Die Eröffnung findet am Mittwoch, 24. April, um 18 Uhr im Landesmuseum statt. Der Eintritt zur Eröffnungsfeier ist frei. Die Schau ist eine Begleitausstellung zur Landesausstellung „Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiter­bewegung 1863 – 2013“, die noch bis zum 25. August im Technoseum zu sehen ist.

Weil sie nicht länger schlechte Ware zu überhöhten Preisen kaufen wollten, schlossen sich um 1900 in Deutschland insbesondere Arbeiter­familien zu Konsumgenossenschaf­ten zusammen: Den Mitgliedern wurden günstig Lebensmittel und Haushaltswaren von guter Qualität geboten. Die Bewegung wuchs ra­sant, überall eröffneten Konsum-Lä­den – gegen den Widerstand des Ein­zelhandels. Der Mannheimer Kon­sumverein betrieb bereits ab 1904 eine Bier-Abfüllerei und Sauerkraut-Schneiderei, schnell folgten Limo­nadenabfüllung, Großbäckerei und Kaffeerösterei. Im Jahr 1907 schließ­lich folgte auf einem Gelände in der Industriestraße der Bau der Zentrale im Neorenaissance-Stil. Ab 1910 be­lieferten immer mehr Eigenproduk­tionsbetriebe der landesweit vertre­tenen Großeinkaufsgesellschaft

(GEG) die Läden. Diese baute um 1930 im Mannheimer Industrieha­fen die sogenannte „Burg“, eine Pro­duktionsstätte, die im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet wurde und bis heute erhalten ist. Unter dem natio­nalsozialistischen Regime wurden die Konsumvereine gleichgeschal­tet, in der Nachkriegszeit begann eine neue Blüte: Aus Konsum wurde co op. Ende der 1980er Jahre kam durch Konkurrenzdruck und eigene Misswirtschaft schließlich das Aus.

Im Technoseum sehen die Besu­cher einen Original-Lebensmittella­den mit Konsum-Produkten. Mit zahlreichen Exponaten, Fotos, Fil­men und in Gesprächsrunden wird an eine Bewegung erinnert, die Ar­beiterfamilien Hilfe zur Selbsthilfe anbot und ihre Lebensbedingungen positiv beeinflusste. Zur Ausstellung erscheint ein Buch – Preis 10 Euro – das an der Museumskasse oder un­ter buchvertrieb@rhein-neckar-in­dustriekultur.de erhältlich ist. tan

20130418_mm-mitte_020.jpg Ein Festwagen der Konsumgenossenschaft aus den 1920er Jahren. BILD: RNIK

Begleitprogramm zur Ausstellung Konsumvereine zur Ausstellung:

  • 25. April bis 9. Juni, immer mittwochs, 14 bis 17 Uhr: Ehemalige Beschäftigte von Konsum, GEG und co op erzählen.
  • Samstag, 11. Mai, 14 bis 17 Uhr Fahr­radexkursion zu den Stätten von Konsum und GEG im Jungbusch, Bin­nen- und Industriehafen. Treffpunkt: Quartiersplatz, Hafenstraße.
  • Freitag, 24. Mai,, 17 Uhr, Lieder-und Geschichtenabend, Arbeiterkneipe.
  • Samstag, 1. Juni, 10 Uhr (Abfahrt) Schifffahrt mit der „Kurpfalz“: Anle­gestelle Kurpfalzbrücke.
  • Freitag, 7. Juni, 16 bis 18 Uhr Rundgang durch die Gartenstadt, Treffpunkt Freya-Platz. tan